MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Chicken

Text Althea Müller
Ausgabe 11/2005

Mama hat als allereinziger Mensch bis jetzt nicht die Hoffnung aufgegeben, was ihren jüngsten Zögling angeht, ihr Flauschi-Küken, ihr Baby. Ihr völlig mißratenes schwarzes Schaf. Mich. Deshalb ruft sie jede Woche an, um zu fragen, wie es mir geht. „Also Mama, es ist mein freier Tag und acht Uhr, warum telefonieren wir nicht später“, gähne ich verzweifelt ins Handy. „Na dann erzähl, was du heute vorhast, wenn du schon frei hast“, trällert der Engel am anderen Leitungsende munter weiter. „Katzen schlachten und Wodka saufen.“ – „Was bitte?“ – „Die Betten machen und ein paar Runden laufen“, korrigiere ich mich. „Gut. Endlich lebst du ordentlicher und gesünder. Kommst du danach zum Essen zu uns?“ – „Nein, ich mach Diät.“ – „Aber du bist ja eh schon so dünn, dass es schirch ist.“ – „Mama!“ – „Du kommst heut zum Essen, sonst verstoß ich dich.“ – „Mama!“ – „Aber Oma wird da sein und sie würde sich so freuen!“ – „Die Oma hasst mich!“ – „Na und? Lass ihr das Vergnügen, sie ist schon so alt.“ – „Ich habe zu tun.“ – „Was denn? Die Kinder wickeln, den Bestseller fertigschreiben, den dich liebenden Ehemann umsorgen? Aber wart mal, das gibt’s ja alles gar nicht in deinem Leben, oder hab ich was verpasst?“ – „Um zwölf bin ich da“, strecke ich erschöpft die Waffen nieder. „Sehr gut“, freut sich Mama, „und übrigens: sehr lustig, das mit den Katzen und dem Wodka. Haha. Du bist wirklich der Familien-Scherzkeks. Seit deiner Geburt bin ich wirklich nur noch am Lachen.“ Ich lege schnell auf. Muss ja jetzt noch die Betten machen und danach ein paar Runden laufen gehen, bevor ich zum Essen rüberfahre! Wenn schon schwarzes Schaf, dann wenigstens eins, das sich bemüht.