MFG - "Es ist an der Zeit, die Opferrolle aufzugeben!"


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"Es ist an der Zeit, die Opferrolle aufzugeben!"

Text Beate Steiner
Ausgabe 03/2014

Die St. Pöltnerin Michaela Stockinger ist Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationspsychologin und hat bereits mehrere Publikationen zum Thema Frauenförderung veröffentlicht.

Derzeit ist ein Feminismus-Backlash zu beobachten. Viele Frauen interessieren sich nicht mehr für Frauenanliegen. Die einen, weil sie offensichtlich von den Errungenschaften ihrer Mütter profitieren und keine spürbaren Nachteile im Frauenleben erfahren, die anderen, weil ihnen die Mama-Papa-Rolle als bequeme Lebensform reicht. Was tun dagegen, bevor erkämpfte Gleichberechtigung wieder schwindet?
Ich denke, dass eine gewisse Sättigung mit den feministischen Themen eingetreten ist. Die Feministinnen haben sehr viel erreicht im letzten Jahrhundert, aber jetzt schauen die Herausforderungen anders aus. Und die Männer fühlen sich mit all den Frauenförderprogrammen schön langsam ziemlich benachteiligt, was auch wissenschaftlich zunehmend belegt wird. Zum Beispiel bei der Benachteiligung von Buben in der Schule. Unser Schulsystem ist maßgeschneidert auf weibliche Bedürfnisse wie Fleiß, Disziplin, Ausdauer etc. Die Mädchen sind hier eindeutig auf der Überholspur, wir müssen aufpassen, dass die Benachteiligung der Burschen nicht Überhand nimmt, das droht in die falsche Richtung zu kippen.

(Ab-)Wertung schafft schlechtes Gewissen und Aggression: Mütter, die nur zu Hause bleiben, werden als Hausmütterchen punziert, die, die ihre Karriere „auf Kosten der Kinder“ verfolgen, als Rabenmütter angefeindet. Woher kommen diese Extreme, warum fühlen sich die einen von den anderen bedroht?
Ich denke die Extreme haben viel mit der Darstellung in den Medien und in den Filmen zutun. Niemand schafft Kinderkriegen ohne einen Preis zu zahlen. Vater oder Mutter müssen eine gewisse Zeit beruflich zurück stecken und einer der beiden wird danach länger brauchen, um seine Karriere wieder in Schwung zu bringen, das ist eine Tatsache. Heutzutage bei den Kindern daheim zu bleiben, ist extrem schwierig, wird auch von den Feministinnen verteufelt, damit ist die Frauensolidarität auch in Frage gestellt.

Diese Schizophrenie spiegeln auch die Frauenzeitschriften wieder – mit „Sei du selbst“ kontra „Die neueste Diät“ – welche Rolle spielen die Medien bei den Rollenbildern?
Diese Rollenbilder werden zunehmend unrealistisch, ich denke, dass sich viele Frauen schon davon abwenden. Es ist sogar ein Backlash Richtung „Traditionelle Zweisamkeit mit Kind“ zu beobachten, verursacht durch die Wirtschaftskrise und die große Verunsicherung, die diese Rollenbilder erzeugen, sowohl bei Männern als auch Frauen.

Was macht „Frausein“ aus, was macht „Mannsein“ aus? Wie viel ist Ihrer Meinung nach angeboren, wie viel sozialisiert?
Wir werden doch als Frauen und Männer geboren, es gibt natürlich biologische Unterschiede. Sozialisiert wird auch allerhand, aber ich weise nochmal darauf hin, dass es mittlerweile die Burschen im Kleinkindalter schwerer haben – sie werden oft nur von den Müttern erzogen, kommen in den Kindergarten, wo es nur in Ausnahmefällen (in NÖ zwei, Anm.) männliche Kindergärtner gibt, wechseln dann in die Volksschule, wo die einzige männliche Bezugsperson oft der Schulwart ist … wo sind da die Rollenvorbilder, bis sie zehn Jahre alt sind? Hier plädiere ich für mehr Männer in diesen Berufen, damit sich das System wieder ausgleicht. Allerdings ist meine Hoffnung hier schon sehr gering, wenn ich mir die Studienanfänger-Geschlechtsverteilung an den Pädagogischen Hochschulen anschaue. Somit sind hier schlechte Startvoraussetzungen für das Mannsein gegeben, das Frausein fällt sicher leichter, wird aber zunehmend schwieriger, wenn es um die Kinderfrage geht. Da wird es wieder traditioneller, nicht umsonst sind wir fast Teilzeit-Weltmeister, wobei der Großteil der Frauen Teilzeit arbeitet. Was auch Konsequenzen für die Karriere und natürlich auch die Pension hat. Beides fällt ernüchternd aus.

Was muss passieren, dass die Potenziale von Frauen künftig besser genutzt werden?
Ich denke, dass die Potenziale von Frauen schon sehr gut genutzt werden, ich würde auch all den Fördermaßnahmen ein Ende setzen oder sogar in Richtung der Burschen ausbauen. Frauen könnten sich aber sicher mehr für naturwissenschaftliche oder technische Berufe interessieren. Dort wird nach wie vor mehr bezahlt und der Gender Pay Gap existiert nicht. Ich denke, dass es an der Zeit ist, die Opferrolle aufzugeben, wir sind selbstbestimmt, gut ausgebildet und es stehen uns alle Möglichkeiten offen – eine ganz andere Situation als vor 100 Jahren!

Brauchen wir eine Frauenquote/Frauennetzwerke?
Nein, ich denke, dass wir keine Frauenquoten brauchen, sie sind nicht effektiv, wie nun das Beispiel Norwegen deutlich zeigt. Dort hat man es mit den Quoten für weibliche Vorstände deutlich übertrieben. Netzwerke halte ich prinzipiell für eine gute Idee, Frauen haben hierbei sicher noch Aufholbedarf.