MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Die Demontage

Text Michael Käfer
Ausgabe 11/2013

Intern hatte man es lange vermutet, die Dimensionen überraschten dann aber doch: Im September verkündete die Konzernleitung der Voith, dass im kommenden Jahr 290 Stellen der Sparte Voith Paper abgebaut werden. Das entspricht etwa einem Drittel aller am Standort Beschäftigten. Mitarbeiter und Betriebsrat zeigen sich verständnislos, die Konzernleitung in Heidenheim beschwichtigt.

Die Wurzeln der „Industriestadt” St. Pölten liegen gut 100 Jahre zurück. Vor allem um die Jahrhundertwende setzte ein regelrechter Industrieboom ein, der nicht nur zigtausende Arbeitsplätze schuf, sondern auch die Bevölkerungszahl innerhalb von nur zehn Jahren von 25.000 auf 36.000 in die Höhe schnellen ließ. Der Ruf St. Pöltens als Arbeiterstadt war begründet, ihre gößten Flaggschiffe waren schon damals die Glanzstoff, die Voith und die ÖBB Hauptwerkstätte.
Heute sind viele der ehemaligen Fabriken längst stillgelegt, die übrigen im Laufe der Jahrzehnte arbeitermäßig zusammengeschrumpft. Katastrophal waren die letzten Jahre: Nach Schließung der Glanzstoff 2008 kränkelte auch die Voith vor sich hin, was nunmehr in einer Massenentlassung gipfelt. Ein Aderlass von ca. 600 Industriearbeitsplätzen. Schlimm für die Mitarbeiter, schlimm für die Stadt, die über die Kommunalsteuer Einbußen in Millionenhöhe hinnehmen muss.
„Kapazitätsanpassung“
Am Voith-Standort St. Pölten herrscht derzeit Resignation. Kaum einer rechnet damit, dass die Entscheidung der Konzernleitung noch rückgängig gemacht wird. „Die ist in Stein gemeißelt, da hilft auch kein Hoffen mehr”, meint ein Mitarbeiter.
„Kapazitätsanpassungen“, wie das im Wirtschaftsdeutsch heißt, seien der Grund für den Stellenabbau. Betroffen davon ist nicht nur St. Pölten, sondern sind auch Standorte in Deutschland, darunter mit Heidenheim die „Heimat” der Voith. Die wenigen Aufträge, die bei Voith Paper in Europa einträffen, beschäftigten längst nicht mehr alle Mitarbeiter. In den letzten Jahren wurden in Deutschland und Österreich bereits etliche hundert Menschen gekündigt, eine Abbauwelle im vergangenen Jahr betraf v. a. das Werk im deutschen Ravensburg, kostete aber auch in St. Pölten 70 Voithlern den Job. In Heidenheim werden bis 2015 weitere 400 der 4.500 Mitarbeiter (alle Sparten) abgebaut. Aus Sicht des Konzerns sind diese „Anpassungen“ – Abbau in Europa einerseits, gleichzeitig angelaufener Personalaufbau in Ländern wie China andererseits – notwendige Schritte, um den wirtschaftlichen Gesamterfolg weiter zu gewährleisten.
Wenig verwunderlich also, dass die St. Pöltner Voithler dem heurigen September mit einem unguten Gefühl entgegenblickten. Es kam aber viel dicker als  befürchtet. Kurz vor der Aufsichtsratssitzung teilte die Konzernleitung mit, dass 290 Stellen abgebaut werden – das sind zwei Drittel von Voith Paper in St. Pölten und ein Drittel aller am Standort Beschäftigten! Obwohl teilweise absehbar, werden die Mitarbeiter erst im Dezember offiziell erfahren, wer betroffen ist – die konkrete Auswahl wurde laut Betriebsrat an die St. Pöltner Führungskräfte delegiert. Wobei dies ein relativer Begriff ist, denn seit 2009 gibt es keine eigene Geschäftsführung mehr am Standort, was viele Mitarbeiter als Mitgrund für die St. Pöltner Misere erachten, ebenso wie der Betriebsrat in einem Brief strategische Fehler und Missmanagement der Konzernleitung anprangert: „Die sogenannten ‚Kleinen‘ dürfen nun die Suppe auslöffeln.“
Globalisierungsfalle?
Wie im Falle der Glanzstoff spielte auch bei der Voith die drastische Erhöhung der Einfuhrzölle in die Habsburgermonarchie eine entscheidende Rolle für eine Niederlassung in Österreich. Das 1867 gegründete und einst aus einer kleinen Schlosserwerkstätte hervorgegangene deutsche Familienunternehmen J.M. Voith entschied sich 1903 also aus strategischen Gründen für den Produktionsstandort St. Pölten – im Übrigen die erste Auslandstochter des heutigen Global Players. Wie am Firmensitz im deutschen Heidenheim wurden nun auch in St. Pölten Papiermaschinen sowie Turbinen für Wasserkraftwerke produziert. Die Leitung der Fabrik übernahm ein Sohn des Unternehmensbesitzers, Walther Voith. Dieser bezog die Voith-Villa in der neu errichteten Wohnkolonie des Werks – heute Herberge für die St. Pöltner Musikschule. Auch die immer noch bewohnte, denkmalgeschützte Wohnhausanlage „Bauvereinshäuser“ ließ die Voith errichten. Zwischenzeitig beschäftigte der Betrieb bis zu 3.000 Mitarbeiter in St. Pölten, Zahlen, von denen man heute nur mehr träumen kann.
Diese Entwicklung steht stellvertretend für die gesamte österreichische, ja europäischen Industrie und ihren jahrzehntelangen Abwärtstrend. Aber wie darauf antworten? Der Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Christoph Neumayer, plädiert diesbezüglich in einem Interview mit dem „Standard” für eine Re-Industrialisierung Europas. Ob diese Forderung freilich nicht eher einem verklärten Blick in die Vergangenheit geschuldet ist, sei dahingestellt, wobei Österreich mit einem Industrieanteil von 22,5 Prozent ohnehin über dem europäischen Durchschnitt liegt. Aber die Frage, wie diese Re-Vitalisierung erfolgen soll, bleibt unbeantwortet. Denn so wie Voith haben auch andere Konzerne eher die Auslagerung nach Brasilien und China, als den Stellenaufbau in Mitteleuropa im Auge.
Dabei hat die Voith im Papiermaschinenbau weltweit ohnedies nur eine Handvoll ernsthafter Konkurrenten (v. a. Andritz aus Österreich und Metso aus Finnland). Nun ist aber nicht die Konkurrenz das Problem, sondern die Nachfrage nach Papier. Technologische Neuerungen wie Computer, Internet, E-Books, I-Phone & Co. lassen den Papierverbrauch in den westlichen Industriestaaten stagnieren, die Nachfrage nach Papiermaschinen hat sich auf einem niedrigen Niveau eingependelt. Mittlerweile wollen in Europa und Nordamerika kaum noch Papierhersteller neue Maschinen kaufen. In Asien dagegen besteht noch Nachfrage nach mittelgroßen Maschinen. Da Exporte nach China aber unwirtschaftlich seien, baut Voith neue Werke in China und fertigt die nachgefragten Maschinen direkt vorort an – mit dem Nebeneffekt, dass die Lohnkosten dort unter jenen Österreichs oder Deutschlands liegen. Ist der Stellenabbau also einfach eine Notwendigkeit, wie die Voith Konzernleitung suggeriert?
St. Pölten, das Bauernopfer?
Betriebsratsvorsitzender Hans-Joachim Haiderer zweifelt daran: „Dass St. Pölten wirtschaftlich funktioniert hat, sieht man allein daran, dass wir als eigenständige GmbH zwischen 2005 und 2012 insgesamt 72 Millionen Euro netto an den Konzern abgeliefert haben!”
Besonders schmerzhaft und auch wenig nachvollziehbar erscheint das Faktum, dass es vor allem die in Heidenheim produzierten grafischen Papiermaschinen sind, die von der stagnierenden Nachfrage betroffen sind. Im Gegensatz zum Papiermarkt leidet hingegen der Karton- und Verpackungspapiermarkt, der traditionell in St. Pölten beheimatet war, deutlich weniger. Der radikale Stellenabbau in St. Pölten erscheint also unlogisch. Bei näherem Hinsehen erschließt sich allerdings die – für St. Pölten fatale – Konzernstrategie: Das Kompetenzzentrum für Karton und Verpackungsmaschinen soll nämlich ebenfalls nach Heidenheim abwandern. Kurzum, der zu schließende Bereich in St. Pölten wird in Heidenheim neu aufgebaut, das Know-how dazu sollen einzelne St. Pöltner Abteilungen und Angestellte in Schlüsselpositionen liefern, was Haiderer mit Bitterkeit bestätigt: „Seit Jahren wird St. Pölten systematisch abgebaut, aktuell gibt es konkrete Angebote an die Führungskräfte gegen Bonuszahlungen in den Firmensitz nach Heidenheim zu wechseln. Der einzige Bereich der Sparte Voith Paper, der auch in Zukunft gesichert scheint, ist die Walzenherstellung, die in abgespeckter Form weiter bestehen wird.“ Nicht minder bitter stößt der Belegschaft auf, dass sie in den letzten Jahren zahlreiche Zugeständnisse gemacht hat, etwa einem flexiblen Arbeitszeitmodell zugestimmt hat, um eben Kündigungen zu verhindern und das Unternehmen auch budgetär (nicht ausbezahlte Überstunden) zu entlasten. Nun ist eine Massenkündigung Tatsache – die Belegschaft hat die Betriebsvereinbarung aufgekündigt.
Der Anfang vom Ende?
Viele orten im nunmehrigen Schritt jedenfalls den Auftakt zur gänzlichen Schließung der Sparte, ja, das Schreckgespenst einer generellen Standortschließung in St. Pölten geistert durch die diversen Fabrikshallen. Die Heidenheimer Konzernleitung beschwichtigt: „Wir möchten darauf hinweisen, dass sich die Restrukturierungsmaßnahmen in St. Pölten ausschließlich auf den Bereich Voith Paper erstrecken. Die übrigen Voith-Firmen am Standort sind von diesen Maßnahmen nicht betroffen. Die wirtschaftliche Lage von Voith Paper ist in St. Pölten wie an den anderen deutschsprachigen Standorten von Voith Paper sehr angespannt, die Gründe hierfür haben wir in den letzten Wochen sehr klar dargelegt.” Zudem verweist man darauf, dass Voith Hydro zuletzt – gemeinsam mit der Osloer Niederlassung – einen 18 Millionen Euro Auftrag zur Ausrüstung eines Krafwerkes an Land ziehen konnte. Auf Voith Turbo hingegen geht man nicht weiter ein – auch diese Sparte kriselt seit Jahren, wurde bereits in der Vergangenheit „zusammengestrichen“ und blickt – wie man hinter vorgehaltener Hand hört – einer tristen Auftragslage entgegen ...
In den nächsten Wochen geht es aber nunmehr darum, die Bedingungen der Entlassungen auszuverhandlen. Eine Stiftung für die Entlassenen, ähnlich der Maßnahme nach Schließung der Glanzstoff, ist denkbar. Ein Streitpunkt sind auch die Abfertigungen, die in St. Pölten nur einige Monatsgehälter betragen, während sie bei den Kollegen in Heidenheim wesentlich höher ausfallen dürften. Wie es aus der Konzernleitung verlautet, soll der endgültige Abbau spätestens im September 2014 abgeschlossen sein. Die meisten Mitarbeiter werden schon davor versuchen, das sinkende Schiff zu verlassen. DAS ENDE DES INDUSTRIESTANDORTES?
MFG sprach mit Christoph Schwarz von ecopoint, der Wirtschaftsservicestelle der Stadt St. Pölten, über den jüngsten Aderlass im Industriesektor der Stadt.
St. Pölten galt einst als Industriestadt – nun sind in den letzten Jahren mit Glanzstoff sowie bei Voith über 600 Industriearbeitsplätze verschwunden – ist das ein Abschied von der Industriestadt auf leisen Sohlen?
Die Schließung der Glanzstoff sowie die Einschnitte bei Voith sind natürlich sehr bedauerlich, einen Abschied der Industrie aus St. Pölten sehe ich allerdings nicht. Wir haben zahlreiche sehr erfolgreiche Industriebetriebe in der Stadt, die in den letzten Jahren kräftig investiert haben und die auch zukünftig große Investitionen am Standort St. Pölten planen. Ich verweise nur auf die Projekte von Kössler in St. Pölten-St. Georgen, die zahlreichen Investitionen von Sunpor und Egger im Gewerbegebiet St. Pölten-Unterradlberg oder die WWG, die durch innovative Konzepte weltweiter Marktführer im Weichenbau sind.
Ist es prinzipieller Fokus von ecopoint, trotzdem produzierende Betriebe neu anzusiedeln, oder liegt der Fokus auf Gewerbe und Dienstleistungsbetrieben? Bzw. wie schwer ist es, produzierende Betriebe überhaupt noch anlocken zu können?
Ecopoint macht bei der Ansiedlung von Unternehmen keine Unterschiede. Die Industrie liegt dabei genauso im Fokus unserer Ansiedlungspolitik. Bestes Beispiel dafür ist das Gewerbegebiet NOE Central im Süden von St. Pölten. Hier entsteht ein Industriegebiet mit hervorragendem Potential für Investoren. 150 ha gewidmetes Industriegebiet, ab Ende 2014 eine Brücke über die B20, die eine perfekte Anbindung an das hochrangige Verkehrsnetz schafft, sowie ein Gleisanschluss, der vor allem für Logistiker perfekte Voraussetzungen schafft. Mit diesen Rahmenbedingungen können wir in St. Pölten jedem internationalen Vergleich standhalten. HARDFACTS
Der Voith Konzern hat insgesamt vier „Konzernbereiche“. Drei davon sind auch in St. Pölten vertreten: Voith Hydro fertigt mit 255 Beschäftigten vor allem Turbinen für Wasserkraftwerke, Voith Turbo mit 57 Beschäftigten Getriebe für Züge und Voith Paper mit 448 Beschäftigten Walzen und Kartonmaschinen an. Neben Konstruktion und Fertigung fallen Servicedienste wie Reparaturen und Inbetriebnahmen sowie kaufmännische, logistische und EDV-Arbeiten an – insgesamt arbeiten am Standort St. Pölten 792 Personen. Die Turbo-Sparte hat in den vergangenen Jahren massiv Arbeitsplätze abgebaut, die Zukunft ist mehr als unsicher. Für Voith Paper wurde vor Kurzem die zweite Kündigungswelle in nur zwei Jahren beschlossen, die Konzernleitung baut 290 der 448 Beschäftigten ab (wobei 40 davon in andere Sparten wechseln sollen und 250 den Arbeitsplatz verlieren). Dies kommt einer so nicht erwarteten Teilschließung gleich, viele rechnen binnen fünf Jahren mit dem Ende von Voith Paper in St. Pölten. Was dann wahrscheinlich noch bliebe, ist die Hydro-Sparte. Hier wird nach einer Fast-Schließung in den 1990er Jahren wieder Personal aufgenommen, die Belegschaft wuchs in den letzten Jahren von unter 100 auf über 200.
BESCHÄFTIGTE
Im ersten Produktionsjahr 1904 wurden 225 Personen beschäftigt, 1920 waren es bereits 1.200. Nach einem weiteren Anstieg kam es während der Weltwirtschaftskrise 1929 und dem Zweiten Weltkrieg zu drastischen Produktionseinbrüchen. Unter den Sowjets stiegen die Zahlen wieder und 1961 wurde der ewige Höchststand von 3.031 Beschäftigten erreicht. Seither sinkt der Personalstand kontinuierlich: 1993 waren es noch 1.500, im Mai 2012 nur mehr 870 Mitarbeiter.