MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Forum XXIII

Text Gotthard Gansch
Ausgabe 11/2013

Reformbedarf ist das zentrale Anliegen des Forum XXIII. Im Interesse steht hier aber nicht die ebenfalls reformmüde politische Landschaft in Österreich, sondern der Reformeifer der katholischen Kirche.

Die katholische Kirche ist in letzter Zeit wohl öfter in den Medien präsent gewesen, als es ihr selbst lieb war: Ein verschwenderischer (zumindest kein bescheidener) Luxusbischof in Deutschland mit einhergehender Debatte über Kircheneigentum, die Nachwehen von Vergewaltigungs- und Missbrauchsskandalen, die Priesterinitiative und das (schlussendlich wenig erfolgreiche) Gegen-Kirchenprivilegien-Volksbegehren haben reichlich Staub aufgewirbelt.
Für Aufsehen hat weltweit auch der neue Papst Franziskus gesorgt – allerdings eher im positiven Sinne. Mit seiner Bestellung ist in vielen Katholiken wieder Hoffnung aufgekeimt: Hoffnung, dass die katholische Kirche nunmehr ihr – so die kircheninternen Kritiker – starres antiquiertes Antlitz endlich ablegen könnte, außerdem Hoffnung, dass sie sich den dringend benötigten Reformen nicht weiter verschließt.
Österreich ist, trotz oder vielleicht gerade wegen der sehr stark katholisch geprägten Bevölkerung, ein zentraler Ausgangspunkt dieser kritischen Stimmen. Eine davon ist das Forum XXIII, das unlängst in der Stattersdorfer Milleniumskirche sein 20-jähriges Jubiläum beging. Auch im Zuge dessen bestätigte man den stets aufmerksam-kritischen Grundansatz – als Vortragender war der renommierte Vatikan-Kenner Marco Politi (u. a. Journalist der Tageszeitung „La Repubblica“) zu Gast. Konservative Kreise, wie z. B. das online-Magazin „katholisches.info“ titelten daraufhin „Antikatholischer Ideologe als Festredner des Forum XXIII – Progressive in Sankt Pölten unter sich“.

Im Anfang schuf…
Am 30. September 1993 wurde im Stift Herzogenburg das Forum XXIII von gläubigen Katholiken der Diözese St. Pölten gegründet – „als direkte Reaktion auf die Entwicklungen ab Mitte der 80er Jahre, v. a. die Bestellung Kurt Krenns zum Bischof von St. Pölten“, wie die Präsidentin der Initiative, Sophia Seidler-Silbermayr, verrät: „Während das Zweite Vatikanische Konzil in den 60er und 70er Jahren eine wohltuende Aufbruchsstimmung ausgelöst hatte, wehte dann ein neuer Wind. Unter Kardinal Groer gab es mehrere komische Bischofsernennungen.“ Es ging aber nicht nur um einen aufgezwungen Bischof, stellt Seidler-Silbermayr klar: „Angesehene Theologen haben in St. Pölten Redeverbot erteilt bekommen. Denjenigen wollten und wollen wir ein Forum bieten.“ Die Errungenschaften des Zweiten Vatikanischen Konzils wären in Gefahr gewesen, die positive Stimmung verflogen. Deshalb habe man sich zur Gründung entschlossen – Forum XXIII soll dabei namentlich wie inhaltlich auf den Konzilspapst und Vorbild Johannes XXIII verweisen.

Oberstes Gebot
Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt sind eine der Grundanliegen des Forum XXIII. Es sollen unterschiedliche und kontroversielle Standpunkte Berücksichtigung finden. „Wir wollen ein freies Wort in der Kirche. Religiöse und gesellschaftspolitische Themen müssen ohne Maulkorb diskutiert werden können“, fordert Seidler-Silbermayr. So denke man über Reformen der Kirchensteuer nach, etwa an eine Kultursteuer wie in Italien, wo jeder obligatorisch diese Steuer zu entrichten hat, aber entscheiden kann, ob sie einer Religionsgemeinschaft, sozialen Zwecken oder dem Staat zufließen soll. Im Allgemeinen versteht Seidler-Silbermayr aber die Aufregung um die Kirchensteuer nicht: „Mir ist aus persönlichen Erlebnissen und Erzählungen bekannt, dass die Beitragsstelle hier sehr kulant agiert.“ Auch das Zölibat – „das ist kein Dogma, das ist mehr so etwas wie Dienstrecht“ – oder das Subsidiaritätsprinzip im Gegensatz zur zentralistischen Organisation der Weltkirche sind Gegenstand der Diskussionen. Schließlich könne man durchaus der Ortskirche zutrauen, ihre Probleme selber zu lösen. Der neue Papst habe dieses Vertrauen. Die Überalterung der Pfarrer werde in ein paar Jahren ohnedies viele Probleme aufwerfen.

„Auftreten, nicht austreten“
Abtrünnig sei man aber auf keinem Fall, stellt Seidler-Silbermayr klar: „Die Kirche ist meine Heimat. Wir wollen aber eine Kirche, wie es dem Evangelium entspricht: menschlich offen, geschwisterlich, im Leben stehend und nicht wie ein Paralleluniversum.“ Mit dem als konservativ geltenden Diözesanbischof Klaus Küng habe man ein entspanntes und korrektes Verhältnis. Er sei zwar kein großer Fan, es gebe aber auch keinen großen Kontakt. So konstatiert Küng: „Das Forum XXIII ist eine Organisation engagierter Priester und Laien, die die Entwicklungen in Gesellschaft und Kirche mit einem eher kritischen Blick verfolgen. Das Forum XXIII ist eine private Initiative und hat keinen offiziell kirchlichen Charakter.“ Bei einem Treffen habe Küng einmal eine treffende Metapher gefunden, wie Seidler-Silbermayr findet: Die Kirche sei wie eine mehrspurige Autobahn, das Forum XXIII sei eben auf der linken Spur etwas schneller unterwegs. Solange man aber in die gleiche Richtung fahre und auf der Fahrbahn bleibe, sei alles okay.
Mit dem auch als konservativ geltenden Kardinal Schönborn gebe es keinen persönlichen Kontakt, man arbeite sowieso „eher diözesanorientiert.“ Die Zustimmung des Kardinals zum homosexuellen Pfarrgemeinderat habe man aber – wie auch selbst in Rom – positiv aufgenommen. Mit anderen Initiativen wie etwa der Pfarrer-Initiative pflege man guten Kontakt. Dies bestätigt auch Pater Udo, Pfarrer von Paudorf-Göttweig, der mit Helmut Schüller die Initiative der Öffentlichkeit vorstellte: „Seit seiner Gründung bin ich dem Forum XXIII eng verbunden und freue mich über alle seine Aktivitäten. Indem das Forum XXIII Referenten wie zuletzt Marco Politi in unsere Diözese holt, ist und bleibt es ein bedeutender Faktor der kirchlichen und gesellschaftlichen Weiterbildung im Westen Niederösterreichs.“

Spannende Zukunft
„Es gibt noch genug zu tun“, weiß Seidler-Silbermayr. Allein das Potential des Zweiten Vatikanums sei noch gar nicht ausgeschöpft. So jährte sich 2012 der Beginn des Zweiten Vatikanums zum 50. Mal, weshalb untersucht wird: „Ist alles umgesetzt worden? Ist es noch aktuell? Braucht es noch ein Update?“ Im Dezember 2015 sollen die Ergebnisse präsentiert werden. Mit anderen Reformgruppen wie der Pfarrer-Initiative oder der mittlerweile weltweit agierenden Plattform „Wir sind Kirche“ sei man vernetzt. Diese Initiativen sind alle von Österreich ausgegangen, was auch eine gewisse Unzufriedenheit und damit einhergehend Reformbereitschaft widerspiegelt. Mit dem neuen Papst Franziskus ist auch in dieser Hinsicht wieder Zuversicht eingekehrt: „Der Reformstau ist zwar noch immer da, aber der neue Papst ist ja ganz anders als der alte. Er will das Zentralistische aufweichen und mehr Kollegialität. So nimmt er sich etwa Berater aus allen Kontinenten“, erläutert Seidler-Silbermayr. Conclusio: „Es wird also wieder spannend!“
Ebenso wie die Zukunft des Forum XXIII selbst, denn auch dieses steht vor ganz ähnlichen Problemen wie seine Kirche – der Nachwuchs fehlt. „Eine großflächige pastorale Betreuung wie früher gibt es nicht mehr. Es ist schade, dass die Jugendbetreuung immer mehr verloren geht“, sieht Seidler-Silbermayr die Schwachstellen. „Daher werden wir uns weiter engagieren!“