MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Manchmal sag' ich: Danke liebes Glück

Text Marion Pfeffer
Ausgabe 06/2013

Der letzte Harlekin hört auf. Sagt er. Darf er das denn? Und: Kann die St. Pöltner Institution das überhaupt? Der wahre Arlecchino ist doch immer auf dem Sprung …

"Go with the flow“ nennen es die coolen Kids heutzutage und beziehen sich auf die spirituellen Mantras, die aus der indischen Kultur zu uns herüberziehen. Werner Sandhacker ist nicht nur ein Fluss – im Fluss – er ist eine Naturgewalt. Jeder, der ihn kennt, weiß: Aus ihm sprudelt’s heraus.
Wirbelwindartig kommt er hereingeschneit und auch sofort zum Punkt: „Ich habe in der Kunst nie etwas geplant. Das kommt einfach aus mir heraus. Manchmal ist da ein Gedanke, der lässt mich nicht los, nimmt Form an und dann ist es schon passiert.“ Das „Urkorn“ nennt er es, woraus alles entsteht. Kann man das denn einfach so abschalten, das Urkorn, und aufhören? Er wird kurz nachdenklich und kommt zu dem Schluss: „Wahrscheinlich eh nicht.“
Was heißt das dann: Aufhören? „Ich spüre, dass ein Bogen zu Ende ist, ein Kreis hat sich geschlossen. Das ist schön.“
Arlecchino in St. Pölten
Seine ersten künstlerischen Schritte machte WeF (so einer seiner vielen Spitznamen) Anfang der 70er – also kurz nach Woodstock – als er mit 14 Jahren seine erste Band LSD gründete und später mit Magic Turbine und Peter Pan große Erfolge feierte. „Wir waren die ersten, die den Bandcontest (Anm. die goldene Rose) 1973 gewannen und nur Eigenkompositionen gespielt haben. Das hätte so oder so ausgehen können“, erinnert sich Werner. Wie bei so vielen, war Musik seine erste Liebe. Als Autodidakt hat er sich – mit Ausnahme des Klaviers – Akkordeon, Trommel und weitere Instrumente selbst beigebracht. Mit 16 Jahren hat er sich zwei Plattenspieler von Donauland besorgt – weil zwei sind besser als einer, wenn man anderen Musik vorspielen will. Damals hat noch keiner von DJs und Turntables gesprochen. Mit seinen „Wernissaschen“ bewies er, dass er auch ein Händchen für Malerei, Fotografie und Videoprojekte hat. „An bildnerische Kunst habe ich ursprünglich nie gedacht, bis es dann einfach aus mir herausgekommen ist“, fasst er sein Kunstverständnis zusammen. Kunst ist alles, was aus dir herauskommt. Es muss authentisch, nicht an einen Markt angepasst oder von einem Professor vorgegeben sein.
Für die Menschen da sein
Werner ist ein Künstler für das Volk. Daher liegt die Figur des Harlekins auf der Hand. „Ich muss dazu sagen, dass der Harlekin nur eine gewisse Schirmherrschaft hat. Von der Figur oder der Bezeichnung Narr habe ich meinem Vater zuliebe Abstand genommen. Der mittelalterliche Arlecchino, der seine Ursprünge in der commedia dell’arte oder in Carlo Goldonis ‚Diener zweier Herren‘ hat, liegt aber meinem Verständnis schon sehr nahe. Jemand, der alles sagen darf und den Menschen helfen will. Manche nannten es auch, für sie arbeiten“, schmunzelt er.
Wann der Harlekin das erste Mal an seine Tür geklopft hat? „Die Schellen habe ich schon immer gehört. Seit ich ein kleines Kind war. Der Harlekin steckt in mir drinnen. Das Kostüm habe ich aber erst in den 80er Jahren geschneidert und angezogen.“
Über ein Publikum macht er sich keine Sorgen: „Ich war nie ein Bühnenmensch, ich habe schreckliches Lampenfieber. Das ist leider nie weggegangen. Die Straße ist meine Welt. Dort treffe ich die Menschen.“ Deshalb wird er fälschlicherweise oft den Gauklern auf Mittelalter-Spektakeln zugeschrieben. Das liegt wahrscheinlich am Rhombenkostüm, den Schellen, der Gugl (dem Hut) und seinen ausgefallenen Erfindungen. Mit fahrenden Künstlern kann er sich allerdings gar nicht identifizieren: „Zuallererst: Ich mag nicht reisen. Für mich ist der regionale Bezug von größter Bedeutung. Ich bin St. Pöltner und auch für die Stadt da. Zweitens: Ich will niemandem etwas verkaufen. Bei mir gibt es keine Shows oder Souvenirs.“ Vielmehr liegt ihm am Herzen, für Menschen da zu sein, sie zum Nachdenken anzuregen und ihnen Denkanstöße mit nach Hause zu geben. Man denke an seine Erfindungen wie das Schaukelrad oder auch seinen Gefährten „Ferdl“, den Baumstamm. Er macht Spielzeug für Erwachsene, daher entsteht gelegentlich Verwirrung, wenn seine Konstruktionen für Kinder zu groß sind. WeF räumt mit dem Vorurteil auf, dass nur Kinder spielen sollen. Sein Zugang stößt nicht nur auf Zustimmung, sondern auch Unverständnis.
Auf die Frage, wie er mit Kritik umgeht, schüttelt er nur den Kopf: „Wie meine Aktionen beim Publikum ankommen, war nie mein Fokus. Ich mache mein Ding und wer sich gut unterhält oder gar etwas für sich mitnimmt, dem habe ich helfen können. Das freut mich. Alles andere ist irrelevant. Ich bin ja kein Geschäftemacher.“
Stimmt, Geschäftssinn und Geldmacherei liegt ihm nicht im Blut. Er ist nicht Künstler als Beruf, sondern Kunst ist seine Berufung. „Wenn ich zu einer Veranstaltung komme, dann nur, weil ich das will und weil ich mich dabei wohl fühle. Um’s Geld geht’s nicht.“ Wie er und seine geliebte Frau Shirley, die leider letztes Jahr verstorben ist, es finanziell geschafft haben, weiß er nicht genau. Irgendwie sei es sich dann doch ausgegangen mit dem Haus und allem anderen. „Ein bisschen Glück gehört auch dazu im Leben. Deshalb sag ich manchmal ‚Danke, liebes Glück‘!“, schmunzelt der 57-Jährige.
Auf Wiedersehen
Freude bereitet ihm insbesondere das Helfen. Schon als LKW-Fahrer war es für ihn schön, den Menschen etwas zu bringen. „Super war das. Die haben sich immer gefreut, wenn ich ihnen etwas gebracht habe.“ Was das mit Kunst zu tun hat? „Für andere da zu sein, hat immer etwas damit zu tun. Außerdem bin ich Anhänger der Rückenschule. Wenn du beruflich viel schleppen musst, ist es von Vorteil Vorrichtungen zu entwickeln, wie man Dinge am besten transportiert und hebt“, lässt Werner den gelernten Maschinenbauer durchblicken.
Bauen und konstruieren ist für ihn seit seiner Lehrzeit ein Wegbegleiter. So hat er für das Paradies der Fantasie im St. Pöltner Löwenhof einen Formel 1-Simulator gebaut, auf den er besonders stolz ist: „Das ist das allerbeste Training. Man muss ständig aufmerksam und konzentriert sein. Außerdem erspart mir der Simulator mein Fitnesstraining. Das ist ziemlich anstrengend.“ Die wahre Kunst ist aber für ihn aus einfachen Dingen etwas zu kreieren. Zwei Steckerl, ein Spagat und schwupp-di-wupp entsteht etwas daraus. „Je fesselnder, desto besser!“
Der Tausendsassa ist nicht nur Harlekin, Musiker, Erfinder und Maler. Er führt als Hobbyhistoriker jedes Jahr die St. Pöltner im Rahmen der städtischen Themenspaziergänge durch die Stadt, veranstaltet Trommelworkshops und beschäftigt sich seit neuestem mit mittelalterlichen Heilmethoden wie Wickel und Handauflegen. „Das hat sich daraus ergeben, dass mir Leute ständig gesagt haben, dass meine Hände so warm sind. Ich hab mich dann näher damit auseinandergesetzt und Dinge ausprobiert. Physiotherapeuten haben mir dann bestätigt, das meine Technik effektiv ist.“ Eine weitere Sache, die ihm zugeflogen ist und ihm Freude bereitet. „Ich bin ein glücklicher Mensch“, fasst Sandhacker es simpel zusammen.
Zum Thema Aufhören: „Vor kurzem habe ich ein tolles Konzert in Obergrafendorf gespielt. Genau dort, wo ich vor 40 Jahren meine wunderbare Lehrzeit verbracht habe. Die Stimmung war perfekt und alle haben sich irrsinnig wohl gefühlt. Da hat etwas Klick gemacht.“
Der Kreis hat sich geschlossen. Aber WeF wäre ja nicht der Arlecchino, wenn er nicht auf sein Urkorn hören würde. Selbst wenn er von sich aus keine Veranstaltungen mehr initiiert, so weiß man nie, wohin es ihn treibt. Er sagt daher nicht „Leb wohl“, sondern vielmehr „Auf Wiedersehen“ und entfernt sich mit einem gar treuherzigen Kniefall. ZUR PERSON
Werner Sandhacker ist Harlekin, Musiker, Autodidakt, Erfinder, Maler, Fotograf, Videokünstler, Maschinenbauer, Ex-LKW-Fahrer, Autor, Marktschreier, Hobbyhistoriker, Perfektionist und Kulturpreisträger der Stadt St. Pölten.
Auch gennant Sand, Sandy, Sandpracker, Sandhammer, Soundhawker, Huzlibum, Sandmann, Mr. Sandman, Lupo, WeF v Treisma, Bexl, Sandl, Wernschi, Wernsch, Wernschi Opa, ...
Noch zu erleben
• Nachtwächter seiner St. Pöltner Stadtspaziergänge
• Erfinder und Trommler im Paradies der Fantasie
• und …?