MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Unterbelichtet

Text Christoph Wagner
Ausgabe 03/2006
Ich war im Gefängnis (nicht im St. Pöltner). Aber nicht, weil ich für meine letzten Kolumnen eine unlustige Reaktion der ÖBB erwarte und schon einmal schauen wollte, welche Zellen südseitig liegen. Schließlich beweist ein Verkehrsbetrieb, der den von der langen Warterei schon etwas porösen Pendlern den nächsten Zug mit dem Nachsatz „Dieser Zug ist pünktlich!“ ankündigt, Spaßpotential.Also, es war einfach nur ein Besuch und der ließ hinter manche Kulisse des Lebens hinter Gittern blicken. Es gäbe viel zu erzählen: von einem Insassen, der Karikaturen deixscher Prägung zeichnet und auch Aufträge von draußen annimmt; von Gefängnisfußballweltmeisterschaften, bei denen einmal die Leute aus Südosteuropa dominiert haben, aber heute geben die Afrikaner den Ton an; von jungen Neuankömmlingen, die als Frischfleisch gelten und für manchen Kollegen die Seife aufheben müssen, und zwar wirklich; von Besucherräumen, die an Schlechtwettertagen leer bleiben; von den verschiedenen Werkstätten im Gefängnis, in denen 400 Häftlinge arbeiten und für draußen produzieren; von Gefängnisdirektoren, die zur Steigerung der Produktionsqualität um jene Verurteilten buhlen, die etwas gelernt haben;Und es lässt sich vom größten Problem im Gefängnis erzählen: Arbeitslosigkeit. 10 % Überbelag bedeutet nicht nur Platznot in den Zellen sondern auch Beschäftigungslosigkeit. Das drückt auf das Gemüt. Dieses Gefühl kennen auch genug Menschen draußen, aktuell mehr als jemals zuvor in der zweiten Republik. Man kann also froh sein, wenn man einen Grund zum Pendeln hat: einen Job.