MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

In the Ghetto?

Text Ruth Riel
Ausgabe 09/2009

Die Vorkommnisse in Krems, wo ein Jugendlicher bei einem Einbruch erschossen wurde, haben die Frage nach räumlichen Kontexten aufgeworfen. Der Bub kam aus dem Stadtteil Lerchenfeld, den die Einheimischen mittlerweile als Ghetto bezeichnen. Auch in anderen Städten wie Linz, Graz oder Wien wird verstärkt von Ghettobildung gesprochen. Wie ist die Situation in der Landeshauptstadt?

Wolfgang Matzl, Jugendkoordinator der Stadt St. Pölten, ist zunächst eine klare Begriffsdefinition  wichtig. „Ghetto ist ein Begriff aus dem Hip Hop, der vor allem von Jugendlichen benutzt wird, um sich abzugrenzen und zu distanzieren“, führt er aus. Er selbst verwendet den  Begriff hingegen nicht so gerne, „weil man damit häufig nur Negatives assoziiert.“ Negative Assoziationen wären – und dies immer auf einen bestimmten Raum bezogen, der dann eben das Ghetto ist – Jugendarbeistlosigkeit, Kriminalität, Perspektivelosigkeit, wenig soziale (und familäre) Zuwendung, Aggressivität, Einsamkeit, gesellschaftliche Distanz.
Ein Raum, auf den all diese negativen Aspekte zutreffen, gibt es Matzl zufolge in St. Pölten nicht, deshalb „kann man in St. Pölten auch von keinem Trend zur Ghettobildung unter Jugendlichen sprechen. Es gibt zwar sozial schwächere Viertel wie die Herzogenburgerstraße, jedoch ist hier keine dramatische Situation zu erkennen!“ Dies bestätigten auch regelmäßige Treffen und Gespräche mit der Polizei, die belegt, „dass es hier keine höhere Kriminalitätsrate als anderswo in der Stadt gibt!“
Dass St. Pölten in diesem Sinne vielleicht besser dasteht als vergleichbare Städte, liegt wohl an einer vorausschauenden Politik, die auf aktive Jugendarbeit und –betreuung setzt. So gibt es das Jugendzentrum Steppenwolf, die Ampel, mit JUMP eine eigene Jugendnotschlafstelle sowie mit „Nordrand“ mobile Jugendarbeit, die in sensiblen Bereichen aktiv ist. „Alle diese Einrichtungen arbeiten eng zusammen und bilden ein Netzwerk für die Jugendlichen“, so Matzl.
Ein sich auftuendes Dilemma sieht Matzl mit der Wirtschaftskrise heraufdämmern. Zum einen wären in der Jugendarbeit durch die erhöhte Jugendarbeitslosigkeit noch stärkere Präventivmaßnahmen nötig, zum anderen muss aber auch im Jugendbereich selbst gespart werden! So sind anstehende Projekte aufgrund fehlender finanzieller Mittel derzeit auf Eis gelegt.„Wir hoffen aber, dass wenigstens die bestehenden Einrichtungen in ihrer derzeitigen Form erhalten bleiben können.“
Pulverfass Jugendarbeitslosigkeit
Jugendarbeitslosigkeit ist aktuell überhaupt das akuteste Problem. Schon in den letzten Jahren waren die verschiedenen Jugendeinrichtungen gerade in diesem Bereich sehr aktiv, bemühten sich u.a. langzeitarbeitslose Jugendliche wieder in die Arbeitswelt zu integrieren, Perspektiven zu schaffen. Die Wirtschaftskrise hat diese Situation eklatant verschärft, die Jugendarbeitslosigkeit steigt massiv. „Das ist ein Pulverfass , dem die Stadt nur wenig entgegensetzen kann“, so Matzl. “Das einzige, was man machen kann, ist die Jugendlichen entsprechend zu betreuen, für sie da zu sein und ihnen den Weg ins Erwachsenenleben zu erleichtern.“
Auch im Jugendzentrum Steppenwolf spürt man die erhöhte Sorge der Jugendlichen, wenn es um ihre Zukunft geht. „Viele Jugendliche haben Angst, ihren Job zu verlieren oder keinen Ausbildungsplatz zu finden. Sehr viele davon sind auch gerade in AMS Orientierungskursen“, erklärt hierzu Steppenwolf-Leiterin Barbara Fellöcker Allerdings kann auch sie keine räumliche Konzentration, kein Ghetto orten. „Die Jugendlichen wohnen über das gesamte Stadtgebiet verteilt. Viele kommen auch aus dem Umland, das geht bis nach Amstetten und weiter“.
Neben dem Freizeitangebot nutzen die 30 bis 70 Jugendlichen, die den Steppenwolf pro Tag frequentieren, auch die Beratungsmöglichkeiten. „Manche Jugendliche haben einen sehr gute Beziehung zu unseren Sozialarbeitern aufgebaut, nehmen die Hilfe gerne in Anspruch. Und bei schwerwiegenden, speziellen Problemen werden sie von uns an die jeweils zuständige Fachstelle weiterverwiesen“ so Fellöcker. 
Thema Drogen
Eine solches ist die Suchtberatungsstelle der Caritas, wo Suchtkranke von einem Team aus Sozialarbeitern, Psychotherapeuten sowie Ärzten betreut werden.
„Wir können nicht behaupten, dass wir aus einem speziellen Viertel wie z. B der Herzogenburgerstraße mehr Anlauf hätten als zum Beispiel aus der Schreinergasse“, stellt Suchtberaterin Sandra Eigenbauer eine Ghettotendenz in Abrede. Die ‚Kunden‘, die entweder freiwillig oder durch gerichtlichen Beschluss zur Suchtberatung stoßen, kommen aus allen Altersschichten und sozialen Klassen. Daher sind auch ihre Wohnorte sehr unterschiedlich. „Was wir jedoch schon festsellen können, ist eine Alterskonzentration. Der Hauptteil der Betreuungssuchenden im Bereich Illegaler Drogen ist zwischen 16 und 26 Jahren alt.“
Im Hinblick auf die Verdichtung des Auffangnetzes wünscht sich die Caritas ein spezielles Beschäftigungsprogramm für Suchtkranke, eine Wärmestube sowie ein Spritzenaustauschprogramm. „Das große Problem für Suchtkranke ist aktuell, dass sie nirgendwo aufgenommen werden, da alle Notschlafstellen und Beschäftigungsprogramme die Grundregel haben, dass keine Suchtmittel konsumiert werden dürfen“
Alles in allem werden zwei Aspekte evident. Erstens: Das soziale Netz für Jugendliche in St. Pölten kann zwar noch verdichtet werden, trotzdem hat es in seiner bisherigen Qualität schon große Tragfähigkeit bewiesen und dürfte daher Tendenzen zur Ghettobildung abfedern.
Zweitens: Aus dem Erfolg und Funktionieren der bisherigen Bemühungen muss aber ebenso abgeleitet werden, dass bestehende Einrichtungen auch unter dem Aspekt wirtschaftlich schwierigerer Zeiten nicht kaputtgespart werden dürfen. Die Kosten, die ein Riss im Netz verursachen würde, kämen der Gesellschaft ungleich teurer zu stehen, und welche dramatischen Folgen dies in extremis zeitigen kann, hat das Beispiel Krems gnadenlos offenbart.