MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

KAUM MEHR ZEIT FÜR DIE FREIZEIT DER ANDEREN

Text Thomas Schöpf
Ausgabe 06/2021

Schaut auf den ersten Blick nicht gut aus für den St. Pöltner Männer-Fußball. Das prunke Millionen-Flaggschiff SKN St. Pölten ist in die 2. Liga abgestiegen. Und während anderswo legendäre Sportstätten wie die Grazer „Gruabn“ unter Denkmalschutz gestellt werden, wurde hier der Voith-Platz für Wohnungen planiert und die Bimbo-Binder-Anlage (ehemals Sturm 19 Platz) soll in einen Park umgewandelt werden.

Dem nicht genug, wurden Amateurklubs wie SC Stattersdorf (2011), Sturm 19 St. Pölten (2016), ATSV St. Georgen (2018) und ASV Radlberg (20. Mai 2021) beerdigt. Der jüngste Todesfall ist nicht nur auf die schlechter gewordene Infrastruktur zurückzuführen.

Aus für ASV Radlberg
„Neue Fußballdressen für die U10“ (August 2019), „Highlights des 3. Radlberger Jugendtages“ (Juni 2019) mit dem Dank an die Kantinenleitung, an die Kampfmannschaft und Leopold Fallmann für die Spenden. Das sind die letzten „News“ auf der verwaisten Homepage des doch nicht bald 100-jährigen ASV Radlberg. Am 20. Mai 2021 wurde der ASV bei der letzten Mitgliederversammlung zu Grabe getragen, weil sich nicht mehr ausreichend Funktionäre fanden, die die Geschicke des Klubs lenken wollen. Das Hauptfeld gehört dem Niederösterreichischen Fußballverband „NÖFV“, das Nebenfeld der Stadt St. Pölten. Jenes kann zumindest vorübergehend der Nachbarverein SKVg Pottenbrunn nutzen. ASV-Urgestein Leopold „Flecki“ Fallmann kennt die Gründe, warum in Radlberg kein Amateurkick mehr möglich ist: „Wir haben hier nicht einmal mehr einen Bankomaten und nur mehr ein Gasthaus, aber ohne Saal für Veranstaltungen. Die Firmen können oder wollen nichts mehr hergeben und die Eltern möchten ihre Kinder am liebsten nur absetzen und möglichst eine Ruhe haben. ‚Ich habe leider keine Zeit’ ist sicher der Satz, den ich hier in den letzten Jahren am meisten gehört habe.“ Klubs am Land mit guter Infrastruktur und Möglichkeiten für Sportlerfeste tun sich leichter. Vorbei sind auch die Zeiten, in denen Fallmann, Martin Marchetti und Peter Kaltenbrunner als ASV-Triumvirat etwas beschlossen haben, und es ohne Wenn und Aber umgesetzt worden ist. Für Fallmann war es einst auch selbstverständlich, seinen Sohn Jochen (Trainer von Zweitligist SKU Amstetten) vier Mal die Woche nach Wien zum Training zu führen  („Er hat hinten seine Aufgaben gemacht und nebenbei gegessen.“) und nun Enkerl Pascal (zu Rapid). So etwas gebe es heutzutage nicht mehr so häufig.


„Multiplikatoren haben gefehlt“
„Gerade einmal 30 Leute sind zur Mitgliederversammlung gekommen“, erzählt der letzte Radlberg-Obmann Erwin Fischer, „und keiner hat, wie wir in der Aussendung gebeten haben, eine konkrete Idee gehabt, oder gar ein Konzept mitgebracht.“ Die letzten zwei Jahrzehnte habe der Klub schon gerauft, genug Spieler für den Nachwuchs und potenzielle künftige Funktionäre zu finden. „Die Multiplikatoren haben gefehlt, die Jungen aus dem Ort, die dann später vielleicht einmal eine Funktion übernehmen und die nächsten Jungen zum Verein holen.“ Die „prominentesten“ Kicker des 1927 erstmals schriftlich erwähnten, aber laut mündlicher Überlieferung 1923 gegründeten ASV Radlberg (stets in der 1. und 2. Klasse) waren neben der Fallmann-Dynastie (Leopold, Sohn Flecki, Enkel Jochen und Urenkel Pascal) die Gebrüder Patrick und David Keelson, Sascha und Mario Hoppi, sowie Michael „Kö“ Köstler, Alfred Tatar, Raphael Landthaler und zuletzt kurz Frenkie Schinkels.

Mehr gemeldete Kicker in NÖ
Der NÖFV verzeichnet freilich einen leichten Anstieg an Spielerinnen und Spielern. 2018 waren 63.786 Männer und 3.100 Frauen gemeldet, 2020 schon 5.406 Frauen und 64.464 Männer. Das „Funktionärsproblem“ aber kennt NÖFV-Vizepräsident Leopold Dirnegger vornehmlich in seiner Funktion als Notar in St. Pölten: „Das bemerke ich bei allen Sportvereinen seit vielleicht drei bis fünf Jahren, also schon vor Corona, dass sie kaum mehr Leute finden, die Funktionen übernehmen wollen.“ Beim Fußballverband sei es aber ähnlich: „Früher wollten alle Vereine möglichst viele Leute bei uns in den Gremien sitzen haben. Heutzutage bekommen wir die Gremien gerade noch voll.“

Anforderungen steigen
Peter Zellmann, Leiter vom Institut für Freizeit- und Tourismusforschung versichert, dass Fußball nach wie vor Volkssport Nummer eins ist und die Mitgliederzahlen teilweise steigen: „Aber viele Menschen sind mittlerweile Mitglieder in mehreren Vereinen gleichzeitig und ihre Ansprüche an die Betreuung sind gestiegen.“ Vor allem im Nachwuchs würden oft fast „Pädagogen“ als Ansprechpartner und eine „familiäre Betreuung“ erwartet. Zellmann wirft auch eine Frage in den Raum: „Vielleicht ist der eine oder andere Verein noch traditionell zu sehr an Ergebnissen orientiert? Kinder bis zwölf Jahre wissen nach einem Spiel mehrheitlich das Ergebnis nicht, erinnern sich in erster Linie daran, ob sie Spaß gehabt haben.“ Das bestätigt Pottenbrunn-Nachwuchstrainer Markus Rohn: „Das Ergebnis wissen maximal ein paar Zuschauer, nämlich manche Eltern. Nach Niederlagen gibt es bei den Kindern auch keine hängenden Köpfe in der Kabine, weil es ihnen einfach egal ist, sofern sie ihren Spaß gehabt haben.“

„Zunehmender Egoismus“
Der erfolgreichste „Amateurverein“ St. Pöltens, die SKN Frauen, hatte vor und während der besten Saison der Vereinsgeschichte 2020/2021 (mit dem sechsten Meistertitel in Folge und dem Einzug ins Champions-League-Achtelfinale) tatsächlich mit Corona zu kämpfen.  „Finanziell sind wir mit einem blauen Auge davon gekommen, dank unserer Sponsoren“, berichtet Obmann Wilfried Schmaus. Die Saison 2019/2020 wurde abgebrochen, 2020/2021 mussten die „Wölfinnen“ unter Ausschluss der Öffentlichkeit spielen und so gleich vier Mal auf die lukrativen Ticketeinnahmen aus den internationalen Heimspielen verzichten. Personell gab’s keine Probleme. „Da unsere Spielerinnen alle Nationalteam-Ambitionen haben, haben sie auch in den Lockdowns eifrig vier Mal die Woche daheim weiter trainiert“, so Schmaus. Auch im Nachwuchs herrsche nach wie vor guter Zulauf. Die jungen Spielerinnen aus Niederösterreich können bei den SKN Frauen in der „Future League“ auflaufen. Paradebeispiel ist die St. Pöltnerin Christina Edlinger (18), die einst bei den Burschen beim SC Stattersdorf begonnen hatte und nun in der Frauen-Bundesliga Fuß fasste.  Das Sterben der Traditionsvereine findet Schmaus „ewig schade“ und nennt auch unverblümt Gründe dafür: „Der Egoismus unserer Zeit. Und die zahlreichen Alternativen. Ins Fitnessstudio kann ich jederzeit, oder Nordic Walking gehen. Da brauche ich nicht jede Woche verbindlich zur gleichen Zeit am gleichen Ort sein, oder gar am Sonntag um 13:30 Uhr irgendwo weiter auswärts bei einem vereinbarten Treffpunkt.“

Akademie mit Topjahr
In der Akademie St. Pölten (auch da war die Saison 2019/2020 abgebrochen worden) freut sich der sportliche Leiter Carlos Chaile sogar über den „vielleicht besten Jahrgang seit Florian Grillitsch und Co“. Soll heißen, dass der Geburtsjahrgang 1995 vom 2003er sogar noch übertroffen wird. Zuletzt stellte die Akademie St. Pölten gleich sieben ÖFB-U18-Teamspieler. Von den 2003ern wechselt Emilian Metu zu Bayern München, Kilian Scharner zum VfB Stuttgart, Jakob Knollmüller zu TSG Hoffenheim, Jordan Philipsky und Dominik Weixelbraun zum LASK, Christoph Zotter zu Sturm Graz und Jan Kirchmayer zu Rapid. Din Barlov war schon bei Torino und Udinese auf Probetrainings und entschied sich dann doch für den SKN St. Pölten. Bis zu seinem 14. Lebensjahr kickte Din im Nachwuchs des SC St. Pölten in der Blumensiedlung unter den Fittichen von seinem Vater Alen, der seinerzeit den Nachwuchs gemeinsam mit Erich Sumetsberger trainierte. Damals wollte Din auf keinen Fall zum SKN, jetzt hat der bald 18-Jährige bei den „Wölfen“ seinen ersten Jungprofivertrag.