MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Puppenwerkstatt auf neuen Wegen

Text Andreas Reichebner
Ausgabe 06/2021

Unterhaltung mit Anspruch, dafür bürgt die Puppenwerkstatt in St. Pölten schon seit mehreren Jahren mit ihren Kinderstücken. Nun hat das Team um Sebastian Weinberger, Hennes Beitl und Gerald Huber-Weiderbauer die Pandemie-Auszeit genützt, um sich in einigen Bereichen neu zu erfinden.

Die Klappmaulhandpuppen von Jim Henson, dem Erfinder der Muppets, hatten es ihm besonders angetan, als der St. Pöltner Sebastian Weinberger vor einigen Jahren seine Leidenschaft zu Puppen entdeckte. Sebastian begann selbst Puppen zu bauen, zunächst mit mäßigem Erfolg. Als er aber auf einen Puppenbauer aus Deutschland stieß, viele Kurse besuchte, intensiven Austausch mit dem Spezialisten betrieb und nach Jahren des erfahrungsreichen Puppenbauens, avancierte der Puppen-Aficionado selbst zum Meister auf diesem Gebiet. War bis vor Kurzem ein Kellerraum in der Josefstraße, in dem sich eine Nähmaschine, tausende Stofffetzen, zahlreiche Kisten, von denen halb- und fertige Puppen hervorlugten und eine theatrale Hochbühne neben Scheinwerfern im künstlerischen Chaos tummelten, die Räumlichkeit der Puppenwerkstatt in St. Pölten, so hat sich der Puppenbauer nun ein eigenes Zimmer eingerichtet. „Habe mir dafür Maschinen gekauft, wie eine Kopiersäge, eine spezielle Nähmaschine und eine Hand-Schaumstoffsäge selbst gebastelt“, erzählt Sebastian Weinberger über seine stetig wachsende Begeisterung.
Diese Begeisterung führte bereits in den Jahren vor der Pandemie zu Stücken wie „Was ist los mit Wadiwuk?“ und „Live-Talk mit Rapido“, wo es um Themen wie Mobbing, Anderssein, Toleranz und Identitätsfindung geht. Klimawandel gehört auch zu den Themen. Prinzipiell für Kinder gedacht, können sich auch Erwachsene einiges an Input mitnehmen. „Wir zielen auf Kinderhumor, Slapstick, Blödeleien, Musik und Interaktionen wie beim Kasperl ab”, gibt Weinberger Einblick in die Intentionen der Puppenwerkstatt, „aber immer mit Fokus auf gute Unterhaltung, die mit Witz fesselt und auf brennende Themen hinweist.” Im Team rund um Hennes Beitl und Gerald Huber-Weiderbauer absolvierte man Auftritte bei Veranstaltungen und in Schulen. Aber, wie der gesamten anderen Kulturszene, blieben den Puppenspielern in der Pandemie die Auftritte verwehrt. Da blieb Zeit zu überlegen, und die nutzten die drei Kreativen redlich.

Familienfilm wird kommen
Die Idee einer Familienshow, die letztendlich zu einem Film werden soll, wurde geboren. „Zuerst sind wir einmal vom Hundertsten ins Tausendste gekommen, aber jetzt ist die Idee der Geschichte schon weitgehend klar vor uns. Die Puppen sind Menschen und es gibt ein überirdisches Wesen, dass die Familie crashed“, weiß Gerald Huber-Weiderbauer, „es wird ein Familiendrama in Richtung Thriller, aber natürlich auch lustig. Die Motivation der einzelnen Figuren, ihre Charaktere, ihre Zwänge und Vorstellungen herauszuarbeiten, war eine Arbeit fast biblischen Ausmaßes.“ Die Rolle der von außen in die Familie hineincrashenden Figur, die den Familienmitgliedern gnadenlos den Spiegel vor Augen hält, erinnert dabei an E.T. und Alf.
„Wir haben die Vision, mit den Puppen etwas zu machen, was gehaltvoll ist. Dabei dürfen wir selbstverständlich auch auf den Grundwitz, der aus der Machart der Puppen entspringt, vertrauen. Das haben wir bei den Stücken auch so angelegt, pädagogisch wertvolle Sachen aufzuarbeiten. Wir versuchen aber auch Grenzen auszuloten, etwas, was weitergeht als die Muppet-Show, über das Halligalli hinaus“, so Sebastian, der die Puppen dafür speziell angefertigt beziehungsweise adaptiert hat.
Das Erfinden und Schreiben des Plots war ein dynamischer Gruppenprozess. „Mir passiert das immer wieder, dass, wenn mir wer ein Erlebnis erzählt, dieses sich über Umwege in der Geschichte wiederfindet. Manchmal ist es ein Fluch und manchmal ein Segen, im Team zu arbeiten. Es gilt, an den richtigen Stellen zu bremsen und auch loszulassen“, ist Gerald vom gemeinsamen Projekt begeistert.

Pilotfilm entsteht
Zurzeit wird ein Pilotfilm, der in Kooperation mit der FH St. Pölten entstanden ist, montiert, nachvertont und geschnitten. „Es ist so eine Art Versuchsballon, der mithilft, die Vision Familienshow zu realisieren“, sagt Sebastian. Schließlich denkt man groß, das finale Projekt, so wäre das Ziel, sollte später in Programmkinos laufen. „Nicht nur einfach auf youtube stellen, vielleicht gibt es auch ein Fernsehformat, Kino wäre der Wahnsinn“, so die kreativen Köpfe der Puppenwerkstatt.
Denn die Drei haben längst erkannt, dass man mit und durch Puppen vieles ausdrücken kann, das man sonst nur schwer vermitteln kann. „Die Puppe gibt mir leichter die Möglichkeit, meine Stimme zu verstellen, das ist eine Superausdrucksmöglichkeit, irgendwie ist man dabei ehrlicher. Man kann sehr viele Sachen sagen, das ist das Spannende, im normalen Duktus kann ich oft nicht die richtigen Worte finden“, sieht Gerald neben der Musik im Puppenspiel ein weiteres künstlerisches Standbein.
Neben dem Projekt Familienfilm überlegt das Team, das immer wieder versucht, andere kreative Menschen zur Mitarbeit in der Puppenwerkstatt zu ermuntern, auch die Möglichkeit eines politischen Formates. „Politisch unkorrekt, mit den eigenen Ressentiments die Leute konfrontieren, das wäre schon toll, oder vielleicht nehmen wir Oma und Opa aus der Familienshow, die beim Essen Nachrichten sehen und daraus ergibt sich eine politische Kiste“, denkt Gerald auch an andere Formate, „das wäre dann für Erwachsene, wo man Pointen braucht. Vielleicht lassen wir das schreiben.“
Im AutoKunstKino beim VAZ hat das Team während des Lockdowns eine unterhaltsame Varieté-Show gespielt. „Wir haben dabei unser lustiges Programm ausgebaut, so in Richtung Alt übergibt an Jung. Die technischen Möglichkeiten waren super, Screen und Kameras auch im Backstage, ähnlich wie bei der Muppet Show“, so Sebastian, der darauf erpicht ist, dass die Show-Acts immer wieder umgemodelt werden, von der singenden Biene, über den Zauberer bis hin zum superspannenden Clown, den der Franzose Edouard Raix spielt.
„Wir bauen gerade auch eine Jugendgruppe mit drei Burschen, zwei Sebastians und einem Toby, auf. Das macht Spaß, die sind sehr motiviert, haben eine völlig andere Form von Schmäh, verwenden moderne Medien, wie in ihren TikTok-Beiträgen, selbstverständlicher. An der Idee eines trashigen Stückes, sehr wurschtig, wird auch gebastelt. Wir wollen die auch ins Filmprojekt miteinbauen“, freut sich der Gründer der Puppenwerkstatt auf künstlerischen Nachwuchs.
Die Ideen ploppen also nur so auf in der kreativen Puppenwerkstatt. So wird man in Zukunft auch ein etwas verkleinertes Format, eine Idee von Hennes, für Schulen anbieten. „Früher waren wir nur mit der großen Bühne unterwegs, mit 3-4 Spielern und mit allem Pipapo, jetzt können wir dann auch zu zweit kleinere Stücke, von einer Klasse in die nächste wandernd, anbieten“, so Sebastian, der speziell für dieses Format geeignete Tischpuppen anfertigt.
Und da kommen wir auch schon zum nächsten Standbein. „Ich habe seit Längerem mit dem Gedanken gespielt, auch für andere Menschen Puppen zu bauen.“ Auf Kundenwünsche wird eingegangen, egal ob es schon eine konkrete Vorstellung für eine menschliche oder tierische Figur gibt, die umgesetzt werden soll oder ein Charakter erst anhand einer Zeichnung zu entwerfen ist. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Auch Gegenstände können zu Figuren werden. Eine seiner ersten aus diesem Geist entstandenen Figuren ist „eine Phantasiefigur, die so was wie ein Baumgeist sein könnte“, blickt Sebastian, der gerade an einer Auftragspuppe arbeitet, in eine Puppenbauerzukunft, „es ist eine eigene Kreation von Puppe, die ich entwickelt habe, eine Mischung aus Tischpuppe und Klappmaulpuppe mit Live-Hand zum Reinschlüpfen und von japanischen Baumgeistern (Kodama) inspiriert.“
Und ja, die Website wird auch demnächst überarbeitet. Es gibt also viel Neues in der Puppenwerkstatt.