MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Europäer

Text Nikolett Hellenpart
Ausgabe 04/2008

Die Unabhängigkeitserklärung des Kosovo hat auch die Frage aufgeworfen, wie das Zusammenleben zwischen den Volksgruppen des ehemaligen Jugoslawien, insbesondere zwischen Serben und Albanern, hierzulande funktioniert. Dali Koljanin, Shengjil Jaija und Milaim Zyrapi sprachen mit uns über den Begriff Heimat, Glaube, den Kosovo und ein Europa, das für sie alle nicht nur im Kopf, sondern schon längst in der Realität existiert!

NAME: Dali Koljanin
NATIONALITÄT: Serbien
STAATSBÜRGERSCHAFT: Österreich
BERUF: Leiterin Hollywood Megaplex

Seit wann leben Sie in Österreich?
Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Mein Vater wurde ehemals von einer deutschen Firma in Jugoslawien – damals hat es noch Jugoslawien geheißen – angeworben, mit der kam er nach Österreich. Der Grundgedanke vieler junger Männer war damals, drei, vier Jahre im Ausland zu arbeiten, gut zu verdienen und dann nachhause zurückzukehren und sich eine Existenz aufbauen. In der Zwischenzeit sind aber wir Kinder gekommen, und meine Mutter wollte nicht, dass wir aus der Schule gerissen werden. So haben meine Eltern eingesehen, dass wir langfristig nicht mehr runtergehen werden.

War das schwer für die Eltern?
Sie haben sich Österreich angepasst, weil sie hier gelebt haben. Umgekehrt ist ihnen ihre alte Heimat manchmal auch ein bisschen fremd geworden. Viele nichtösterreichische Bürger mit ausländischer Abstammung passen sich nicht an, deshalb haben sie es oft schwer.

Was haben Sie von der serbischen Kultur beibehalten?
Das Temperament – ich bin eine typische serbische Frau! Diese sind ja sehr dominant, aber auf eine liebliche feine Art und Weise. Und das Feiern. Wir feiern sehr viel, weil es bei uns Orthodoxen sehr viele Feste gibt. Religion im engeren Sinne war bei uns aber nie so wichtig. Wir glauben aber an das Gute im Menschen! Und man muss auch an sich selbst glauben. Ebenso sollte man andere Menschen so behandeln wie man selbst behandelt werden möchte. Gerade das bringt die Religion aber oft nicht bei!

Spielte die Frage der Ethnien eine Rolle?
Mir wurde nie vorgeschrieben, mit wem ich mich treffen darf oder nicht. Bis zum Kriegsausbruch wusste ich nicht einmal, dass es zwischen Jugoslawen Unterschiede geben soll. Ich habe auch nie gehört, dass Kroaten, Albaner oder Bosnier schlecht seien. Dieser Hass gegenüber anderen Völkern ist bei uns zu Hause kein Thema gewesen. Auch über den Krieg haben die Eltern nicht gesprochen, wenngleich sie darunter sehr gelitten haben, insbesondere wegen unserer Verwandten in Serbien. Und meinen Vater hat die unfaire Berichterstattung sehr gekränkt.

Was war aus seiner Sicht unfair?
Dass immer die Serben als die Schlechten dargestellt wurden, v. a. in den österreichischen und deutschen Medien. Meine Mutter hat aber immer gesagt: „Kind, es gehören stets zwei zum Streiten – einer allein ist nicht schuld!“. Politiker missbrauchen leider oft ihre Macht, es bezahlt aber meist die Bevölkerung dafür.

Fühlen Sie sich als Österreicherin?
Ich fühle mich als Europäerin! Ich denke, ich bin das, was die EU ausmacht! Ich bin serbischer Abstammung, aber in Österreich geboren und groß geworden. Mit zwei Kulturen, zweisprachig. Das hat einen großen Vorteil: Man kann sich von beiden Seiten das Positive aneignen.

NAME: Prof. Milaim Zyrapi
NATIONALITÄT: Kosovo-Albaner
STAATSBÜRGERSCHAFT: Österreich
BERUF: Lehrer

Wie und warum hat es Sie nach Österreich verschlagen?
Ich komme aus dem Kosovo, war dort politischer Gefangener. Die Isolation der Kosovo-Albaner begann im Jahr 1989. Damals wurde uns das Recht auf Bildung verwehrt. Wir haben deshalb den Unterricht in Privathäusern organisiert. 1992 sind wir dann nach Österreich geflüchtet. Das war das einzige Land, das uns die Freiheit und das Recht gewährt hat, albanisch zu lernen, ja überhaupt etwas lernen zu können! Ich bin dem Land daher sehr dankbar, auch wenn der Anfang natürlich schwierig war, weil wir ohne Sprachkenntnisse kaum Kontakte knüpfen konnten. Aber wir haben die Sprache erworben.

Die Sprache ist also ein Schlüssel? Sind Sie deshalb Lehrer?
Ich kann damit meinem Volk bei der Integration helfen, wobei Integration nicht Assimilation heißt. Es ist wichtig, dass die zweite und dritte Generation meines Volkes unsere Kultur kennen lernt. Den Kindern muss erklärt werden, wie unsere Fahne aussieht, welche Geschichte wir haben, dass wir einen Nationalfeiertag und eine Hymne haben. Ich unterrichte auch Albanisch, weil das Interesse der Kinder für die Sprache immer geringer wird. Viele glauben, dass sie in der Zukunft Albanisch nicht mehr brauchen werden.

Wie haben Sie den Kosovo-Krieg erlebt?
Nicht direkt, weil wir damals schon in Österreich waren. Ich hatte aber während des Krieges ständig Kontakt zu meiner Mutter, meinem Bruder und zu Freunden dort. Nach dem Krieg, 1999, bin ich hingefahren. Mein Haus war völlig zerstört, das Dorf komplett bombardiert.

Wie ist Ihr Auskommen mit Serben. Gibt es Kontakt?
Ich habe viele serbische Kollegen. Wir haben keine Konflikte. Ich war sogar öfters in Serbien unterwegs, schlechte Menschen habe ich dort nie getroffen. Es ist doch so: Das deutsche Volk ist ja auch kein schlechtes Volk, obwohl es in seiner Geschichte Hitler gegeben hat. In der Politik reißen bestimmte Menschen oder Interessengruppen bisweilen die Macht an sich. Genau das gleiche ist meiner Meinung nach in Serbien unter Miloševic passiert. Er und seine Gruppe haben Serbien zerstört, die Politik hat den Menschen einen falschen Weg vorgegeben. Wenn ich in Serbien oder Kosovo unterwegs war, habe ich aber immer gesehen, dass die Menschen eigentlich nur ein sicheres Leben und eine Zukunft haben wollen. Zukunft bedeutet friedliches Zusammenleben! Wir Menschen sind letztlich wie die Finger einer Hand: Wir sind nicht gleich, aber um etwas aufheben zu können, müssen wir zusammenarbeiten. Und wenn es jedem gut geht, haben die Unterschiede keine Bedeutung.

Sie sind über 15 Jahre hier. Fühlen Sie sich als Albaner oder als Österreicher?
Obwohl ich die österreichische Staatsbürgerschaft habe, fühle ich mich als Albaner, weil ich immer noch albanisch träume und albanisch denke. In meiner Muttersprache kann ich meine Gefühle und Gedanken einfach besser ausdrücken. Ich lebte länger in Albanien als in Österreich. Ich versuche meine Kultur zu behalten, ebenso bemühe ich mich aber, die Kultur von anderen Menschen kennen zu lernen und zu verstehen, weil wir in Zukunft alle zu Europäern werden.

Was sagen Sie zur Unabhängigkeitserklärung des Kosovo?
Die Unabhängigkeit des Kosovo bedeutet sehr viel. Sie hat das Problem der Albaner teilweise gelöst, weil diese bislang ja in mehrere Länder verstreut leben. Es kann bedeuten, dass sie wieder gemeinsam an einem Ort leben werden. Das ist ein sehr guter Anfang.

NAME: Shengjil Jaija
NATIONALITÄT: Mazedonien
STAATSBÜRGERSCHAFT: Österreich
BERUF: Friseurin

Woher kommen Sie?
Wir sind Albaner, aus Mazedonien. Meine Eltern sind ursprünglich nach Österreich gekommen, um einen Verwandten zu besuchen. Das Land hat Ihnen aber so gut gefallen, dass sie beschlossen, hier zu bleiben. Mein Opa war dagegen, hat fünf Jahre versucht, seinen Sohn zur Rückkehr zu bewegen – ohne Erfolg.
Bis zum 12. Lebensjahr lebte ich mit meiner ältesten Schwester abwechselnd in Mazedonien bei den Großeltern sowie in Österreich bei den Eltern. Auch in die Schule bin ich bis dahin in beiden Ländern gegangen. Dadurch bin ich zweisprachig aufgewachsen.

Wie wurde zuhause geredet? Wie ist es Ihnen als Teenager ergangen?
Wir Geschwister haben untereinander Deutsch geredet, mit den Eltern aber Albanisch. In der Schule lernte ich in Mazedonien noch Mazedonisch sowie Französisch, in Österreich Deutsch und Englisch.
Es war am Anfang sehr hart. Ich hatte aber keine Probleme mit Österreichern oder anderen Nationalitäten. Wir lebten sehr gut miteinander. Heute sind drei von uns schon verheiratet – mit Österreichern! Das ist für viele Muslime heute noch immer nicht selbstverständlich.

War das ein Problem?
Natürlich! Für manche in unserem Bekanntenkreis ist es das heute noch. Meine Eltern haben sich mittlerweile damit abgefunden, wenngleich es auch Ihnen schwerfiel. Wir haben ihnen sozusagen beigebracht - und sie haben es verstanden - dass wir jetzt in Österreich sind, und dass wir nicht so leben möchten wie andere muslimische Frauen. Meinen Eltern ist damals um die Bekannten gegangen, die schlecht über unsere Familie reden, und dass sie sich vor anderen Muslimen schämen müssen. Das war eine harte Zeit! Ohne dieses Denken wäre es viel einfacher gewesen. Aber wir Geschwister haben uns letztlich durchgesetzt.

Wo fühlen Sie sich zuhause?
Meine Zuhause ist hier in Österreich. Ich bin Österreicherin, besitze die österreichische Staatsbürgerschaft. Wenngleich ich auch, wenn ich jemandem etwas über Mazedonien erzähle, von „meiner Heimat“ rede. Aber ich denke nur deutsch, ich kann nicht albanisch denken. Ich träume auch deutsch. Ich bin eben schon die zweite Generation. Meine Eltern sind Mazedonier. Ich bin halb Mazedonierin, halb Österreicherin - aber eher Österreicherin. Und meine Kinder, die dritte Generation, werden ganze Österreicher sein!

Was haben Sie  von der albanisch-mazedonischen Kultur beibehalten?
Ich und meine älteste Schwester haben viel von Kultur aus Mazedonien mitbekommen, was die anderen Schwestern, die schon in Österreich geboren wurden, nicht mehr erfahren haben. Wir haben vor allem unsere Feiertage beibehalten. Wir feiern etwa Bayram nach dem Ramadan, ebenso aber auch Ostern und Weihnachten! Meine Eltern letztere zwar nicht im religiösen Sinne, aber wir hatten immer einen Weihnachtsbaum und haben Geschenke bekommen. Wir haben uns angepasst.

Haben Sie auch Kontakt zu Serben?
Natürlich! Meine Mutter kennt viele serbische Frauen, hat viele serbische Freundinnen. Wir Kinder sind auch so aufgewachsen, hatten in der Schule serbische Freunde, da gab es nie Probleme. Hass gegenüber anderen und Rassismus wird jemandem ja als Kind eingeprägt. Das war bei uns in der Familie nie der Fall. Es gab sicher Familien im Bekanntenkreis, die etwas gegen diese Kontakte gehabt haben, aber das war uns egal.

Glauben Sie an die Erfolgsmöglichkeit der multikulturellen Gesellschaft?
Ich schon, aber nicht alle denken so wie ich. Es liegt einfach in der Hand der Eltern. Es gibt hier in Österreich muslimische Mädchen, die z.B. keine Afrikanerin oder Serbin mit nach Hause nehmen dürfen. Oder es gibt Kinder, die mit Kindern ausländischer Herkunft nicht spielen dürfen. Deswegen können solche Leute später nicht gut miteinander kommunizieren. Wenn man aber ein schönes Leben haben und mit anderen Menschen zusammenleben möchte, dann muss man aufeinander zugehen, muss sich anpassen.

Wie beurteilen Sie die Unabhängigkeitserklärung des Kosovo?
Die Albaner kämpfen schon lange für ihre Freiheit und Unabhängigkeit. Ich gönne sie ihnen, weil irgendwie dieses Land doch ihnen gehört. Ich hoffe, dass es eine positive Zukunft geben wird, wenngleich ich glaube, dass dieser Konflikt noch sehr lange bestehen wird.