MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Im Sinne der Zukunft

Text Michael Müllner
Ausgabe 09/2009

Rund zehn Mitarbeiter trifft man noch am Firmensitz an, dort wo früher mal 1000 Arbeiter den Industriebetrieb zum städtischen Aushängeschild machten. Seit dem Jahreswechsel ist der Betrieb in der Herzogenburgerstraße eingestellt. Was wurde aus der Glanzstoff?

Am 10. Jänner 2008 brannte ein Großteil der Abluftanlage der Fabrik ab. Um den Vollbetrieb neuerlich aufnehmen zu können wären massive Investitionen im Umweltschutz nötig gewesen. Investitionen, die laut Unternehmensleitung aus wirtschaftlicher Sicht unzumutbar waren. Unverstummt sind aber nach wie vor auch jene Stimmen, die wissen wollen, dass die Abwanderung des Industriebetriebs aus dem Hochlohnland Österreich dem Eigentümer gar nicht so ungelegen gekommen sei. Der Brand, die angeblich überbordenden Auflagen des Magistrats und das zwischen SPÖ und ÖVP aufgeführte Parteipolitik-Theater wären eine willkommene Kulisse für die Betriebsschließung gewesen. Ein Theater in dem sich die Sozialistische Jugend für eine „Wiedervergesellschaftung“ des defizitären Betriebs stark machte und allerlei bunte Kapitalismuskritiker und Verschwörungsparanoide ihren Auftritt hatten. Den Mitarbeitern nutzte das alles freilich nichts.
Chancen nicht genutzt
Von Unternehmensseite her war Geschäftsführer Max Pasquali für MFG konsequent nicht erreichbar. „Man sieht ihn nur mehr selten in St. Pölten“, hört man von den verbliebenen Mitarbeitern. Und den Eigentümer, Dr. Cornelius Grupp, kennt man ohnehin nur vom Hörensagen. Grupp ist einer der erfolgreichsten Industrieinvestoren in Österreich. Er führt seine Industrieholding, zu der auch weitere Standorte in Niederösterreich gehören, in sechster Generation und bekam als gebürtiger Deutscher die österreichische Staatsbürgerschaft aus den Händen von Landeshauptmann Pröll himself verliehen. Der kritisierte 2008 auch die Stadt St. Pölten, hier würden Unternehmer aus der Stadt vertrieben, so Pröll. Womit auch er zum bunten Polittheater beitrug.
Wie sieht die Bilanz von St. Pöltens Bürgermeister Matthias Stadler aus? Ist er unterm Strich froh, dass die Glanzstoff und mit ihr die Gestanks- und Gesundheitsbelastung aus dem Stadtgebiet verschwunden ist? Stadler verneint: „Es macht keine Freude einen Betrieb zuzusperren, wenn Arbeitsplätze verloren gehen… Leider wurden die Chancen in Umwelt und Technik zu investieren von der Unternehmensleitung nicht genutzt.“ Die Schließung des Werkes schlage sich mit einem Abgang von rund 400.000 Euro an Kommunalsteuern im Stadtbudget nieder. „Die Wirtschaftskrise und ihre Auswirkungen sind da weit stärker spürbar“, betont Stadler.
Leere Werkshallen
Unterdessen nähert sich das Betriebsauflassungsverfahren dem Ende. „Das Ziel sind leere Werkshallen, dann kann das Verfahren geschlossen werden“, erklärt Andreas Brunner von der Gewerbebehörde. Mit der zukünftigen Nutzung hat dieses Verfahren freilich noch nichts zu tun. Die ist nämlich weiterhin unklar. Bei der Landesregierung ist eine Verdachtsflächenmeldung eingegangen, was bedeutet, dass durch das Bundesumweltamt geprüft wird, ob es am ehemaligen Glanzstoffareal Flächen gibt, deren Altlasten besonders entsorgt werden müssen. Mit einem Abschluss dieser Prüfungen ist frühestens in einem Jahr zu rechnen. Solange dürfte auch noch unklar bleiben, ob etwaige Altlasten die zukünftige Nutzung des Areals in irgendeiner Form beeinträchtigen könnten. Erfolgreich saniert wurde jedenfalls die Mülldeponie am nördlichen Fabriksgelände. „Da wurden EU-Mittel erfolgreich eingesetzt, man könnte also hoffen, dass auch eine weitergehende Aufarbeitung der Vergangenheit erfolgt – im Sinne einer Nutzbarmachung für die Zukunft,“ wie ein anderer Rathausinsider meint.
Bildungsjuwel?
Doch was soll aus dem 120.000 m² großen Areal werden? Mitten im Stadtgebiet gelegen ist es ein bestens aufgeschlossenes Juwel, wunderschöne Bausubstanz aus dem frühen 20. Jahrhundert, das der Eigentümer Cornelius Grupp mit seiner Firmenholding vor Jahren um den symbolischen Preis von 1 Schilling erworben hatte. Offizielle Konzepte zur Nachnutzung liegen nicht vor. Bürgermeister Matthias Stadler: „Nicht der Magistrat oder die Politik entscheiden, wie es weitergehen soll, sondern der Eigentümer. Besitzer Grupp muss einmal äußern, was er will!“ Für Stadler gibt es eine Vision, die er gerne in St. Pölten verwirklicht sehen würde: „Jeder weiß, dass mir Bildung am Herzen liegt. Die Fachhochschule ist eine Erfolgsgeschichte. Ich könnte mir vorstellen, dass mit universitären Einrichtungen neue Chancen für Stadt und Land entstehen. Die Lage am Glanzstoff-Areal wäre dafür hervorragend geeignet!“ Die Stadt sei in jede Richtung gesprächsbereit. Wann unterdessen der letzte Kontakt zwischen Stadler und Grupp war, ließ sich nicht herausfinden.
Rund 350 Menschen waren von der Schließung Ende 2008 betroffen. Was ist aus ihnen geworden?
229 Personen hatten sich für sie interessiert, rund 140 Personen sind dann auch tatsächlich „in die Glanzstoff-Stiftung gegangen“, sprich sie absolvieren nach einem sechswöchigen Berufsorientierungsprogramm derzeit individuelle Weiterbildungen oder Umschulungen. Birgit Fußthaler vom Trägerverein Transjob: „Viele Mitarbeiter sehen es als Chance um in unsicheren Arbeitsmarkt-Zeiten beispielsweise Abschlüsse nachzuholen oder sogar ein Studium abzuschließen.“
Das größte Problem für die „freigesetzten“ Mitarbeiter war das Einbrechen der Konjunktur. „Durch die Krise war es für Mitarbeiter ohne ausreichender Qualifikation oft nicht möglich, einen neuen Job zu finden, da die Unternehmen einsparen“, weiß die St. Pöltner AMS-Chefin Klaudia Wrba und erklärt: „Einige haben zwar schon Jahrzehnte bei der Glanzstoff gearbeitet, konnten aber dennoch nicht ordentlich deutsch. Solche Grundvoraussetzungen müssen jetzt erst nachgeholt werden.“ Rund 20 Personen werden derzeit als „nicht vermittelbar“ geführt. Im gesamten Bezirk lag die Zahl von Arbeitslosen im Juli bei 4.000 Personen, womit St. Pölten im Vergleich mit anderen Bezirken gut liegt. „Wir fallen von einem hohen Niveau runter – im Vorjahr hatten wir de facto Vollbeschäftigung“, so Wrba. Und wer selber einen neuen Job gefunden hat? Wrba: „Meist ist der Wechsel von der Industrie in ein anderes Gewerbe mit Lohneinbußen verbunden...“