MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Tourismusland Niederösterreich?

Text Georg Renner , Jakob Winter
Ausgabe 06/2021

GEORG RENNER
Der Wilhelmsburger arbeitet als Journalist bei der „Kleinen Zeitung“.

„Potenzial gibt es genug – man muss es nur bergen“


Niederösterreich ist in einer seltsamen Position, was Tourismus und Potenzial für mehr angeht: Ein Teil – oder besser: eine Region, die Wachau quillt in normalen Jahren über vor Touristen. Die Kombination aus landschaftlicher Perfektion, barocker und mittelalterlicher Bautradition und die gute Erreichbarkeit via Autobahn (Bus!) und Donau (Flusskreuzfahrten) führt dazu, dass man sich in den warmen Monaten durch die Gassen von Dürnstein quetschen muss wie sonst nur im Ausverkauf beim TK Maxx. Ob Asien oder Amerika, die Gegend gehört zu jeder besseren „Europa in 14-Tagen“-Runde.“
Dann gibt es die Gegenden, die – sei es aus Mangel an touristischer Tradition oder schlicht historischer und landschaftlicher Anspruchslosigkeit – fremdenverkehrstechnisch uninteressant sind.
Und dann gibt es eine Menge Gegenden, die weder hier noch da sind: Ein guter Teil des Waldviertels etwa, das Ötscherland, etliche Orte im Wiener Umfeld, wo Wander-, Konzert-, Kongress-, Thermen- und andere Tagestouristen durchaus schon das eine oder andere Wochenende füllen.
Es ist dieser dritte Bereich, wo das Land Potenzial hat. Dort, wo jetzt schon Familien, Firmen, Sportler oder Konzertbesucher die eine oder andere Nacht bleiben, gäbe es Ansatzpunkte, noch mehr herauszuholen, noch mehr Angebote, die man machen könnte.
Das fängt auf höchster Ebene an, mit der Verkehrsplanung. In Wien, neben dem Heimatland der zweite große Markt für Tagesgäste, wächst die Zahl der Haushalte ohne Auto. Sind Niederösterreichs Regionen darauf vorbereitet, solchen Gästen öffentliche Möglichkeiten zu geben, unkompliziert an ihre Zielorte zu kommen?
Ganz unten wiederum sind es hunderte Fremdenverkehrs-, Sport- und Bergvereine, die ehrenamtlich die touristische Infrastruktur des Landes erhalten. Haben sie Ansprechpartner und professionellen Support, wenn es darum geht, eine Wanderkarte neu aufzulegen?
Stagnation muss kein fixes Schicksal sein – das Land hat Potenzial, man muss es nur bergen.


JAKOB WINTER
Aufgewachsen in St. Pölten, emigriert nach Wien, Redakteur beim „profil“.

„Wir sind keine Tourismusregion – und stolz darauf“

Wie würde eine ehrliche Tourismuswerbung über Nieder­österreich und St. Pölten klingen? Circa so: „Die Berge sind niedriger als anderswo in Österreich, die Seen nicht so schön türkis, die Sonne scheint seltener und selbst in Sachen Kultur bietet Wien einfach mehr. Besuchen Sie Niederösterreich und St. Pölten – es ist hier alles sehr durchschnittlich. Außer vielleicht unser Weißwein.“
Nicht falsch verstehen: In Niederösterreich und seiner Landeshauptstadt gibt es schöne Plätze zum Leben und ausreichend Natur zum Erholen. Aber Urlaub, der über ein Wochenende hinausgeht: lieber nicht. Das Vorhaben des Landes, Touristen verstärkt in ländliche Regionen wie das Waldviertel zu lotsen, ist zwar nachvollziehbar – ich bin allerdings skeptisch, ob das gelingen wird.
Ehrliche Tourismuspolitik würde damit anfangen, sich einzugestehen, dass Niederösterreich (abseits von der Wachau) eben keine Top-Tourismusregion ist. Nur im Burgenland machen noch weniger Menschen Urlaub. Aber ist das wirklich ein Problem? Oder ist es sogar ein Vorteil, dass die meisten Urlauber Niederösterreich nur durchfahren, um in den Westen oder Süden zu gelangen?
Der Massenandrang von Touristen mag einige Tiroler Täler reich gemacht haben. Er verursachte aber auch Verkehrschaos, dichte Verbauung und die Verdrängung der lokalen Bevölkerung. Und ja, selbstverständlich entstanden in Tourismusregionen viele Jobs – die aber kaum mehr jemand annehmen will. Die Gründe: Ausufernde Arbeitszeiten, schlechte Bezahlung, Sie wissen schon.
In Hallstatt, Mallorca und anderen Tourismus-Hotspots rebelliert die lokale Bevölkerung längst gegen all die negativen Folgen, die der Massenandrang mit sich brachte. In St. Pölten ist die Toleranzschwelle deutlich niedriger: Einige Locals empfinden bereits vier Tage Frequency-Festival im Jahr als Zumutung.
Glück für sie: Der Massentourismus wird auch weiterhin ausbleiben. Das ist der große Vorteil der Durchschnittlichkeit. Fragt sich nur, wann die Entscheidungsträger das akzeptieren – und selbstbewusst verkünden: „Wir sind keine Tourismusregion – und froh darüber.“