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„LIFE“ IS LIFE?

Text Johannes Mayerhofer
Ausgabe 06/2021

In Niederösterreich werden und wurden bisher 28 sogenannte „LIFE“-Projekte, also von der EU ko-finanzierte Umweltprojekte durchgeführt. Was wurde konkret umgesetzt und welchen ökologischen Nutzen zeigen die Resultate? MFG hat genauer hingesehen.

Rossatz-Arnsdorf an der Donau, eine 1.050-Seelen-Gemeinde etwa 15 Autominuten westwärts von Krems. Liebliche Wohnhäuser, einige Weinkeller, Gasthäuser und Heurigen sowie Obstgärten. „Nicht viel los“, könnten Besucher der kleinen Gemeinde meinen. Doch hier, im fast schon kitschigen Wachauidyll, geht eines der größten Renaturierungsprojekte Niederösterreichs in seine Endphase: die „Auenwildnis Wachau“. „Hier, im direkten Donau-Hinterland bei Rossatz, das geprägt ist von Auwald und Seitenarmen, würde ohne unsere Maßnahmen totale Verlandung, Monokultur und Artensterben drohen“, erklärt Teamleiter Bernhard Karl von der Österreichischen Wasserstraßengesellschaft „viadonau“. „Und ohne die 50-prozentige Co-Finanzierung durch die EU wäre das in diesem Ausmaß sowieso kaum möglich.“ Was geschieht dort und was hat die EU damit zu tun?

„Wir sind die Donau-Asfinag“
Die „Auenwildnis Wachau“ ist eines von 28 Projekten in Nieder­österreich, welche unter dem EU-Förderprogramm „LIFE“ oder auch „LIFE+“ Umwelt- und Ressourceneffizienz, Natur- und Biodiversität und Aufklärung im Umweltbereich dienen sollen. EU-weit wurden für die Finanzperiode 2014 bis 2020 rund 3,4 Milliarden Euro dotiert. Das sind zwar nur etwa 0,3 Prozent des EU-Finanzrahmens, jedoch sollen die Co-Förderungen als Hebel zur Generierung von mehr Geld wirken. In das Wachauer Projekt – dieses wurde für den Zeitraum 2015 bis 2020 angelegt – flossen 3,9 Millionen Euro, die Hälfte davon aus der EU. Aufgrund behördlicher und anderer Verzögerungen wurde einer Verlängerung bis 2022 stattgegeben.

Fische kamen, um bald wieder zu sterben
Warum nun dieses Projekt? Was trieben die Hydro-Experten von „via donau“ seit 2015 bei Rossatz? „Das Hauptproblem in diesem Abschnitt ist, dass in den bisherigen Seitenkanälen der Donau, welche durch den dortigen Auenwald führen, der Wasserdurchfluss quasi zum Erliegen gekommen ist. Mit jedem Hochwasser wurde mehr Schlamm angespült, was die Wassertiefe verringert und den Durchfluss des Wassers weiter verhindert“, erklärt Karl die Problematik. „Wir als ‚via donau‘-GmbH sind an das Umweltministerium angeschlossen und als eine Art Asfinag des Wassers zuständig, hier den Durchfluss zu gewährleisten.“ Stehendes Wasser und zunehmende Schlammmassen bedeuten höhere Wassertemperaturen, geringere Wassertiefe und weniger Sauerstoffgehalt. Das alles kann die Fischvielfalt und den Jungfischbestand gefährden. „Hier gab es nur mehr verwachsene Dümpel und Lacken. Nur bei Hochwässern wurden Fische herein gespült, diese verendeten aber bald darauf wieder. So etwas zu beobachten ist schmerzhaft, vor allem wenn man diese einst lebendige Wasserlandschaft aus der Kindheit kennt, so wie ich“, meint Erich Polz (ÖVP), Bürgermeister von Rossatz-Arnsdorf. „Auenwildnis Wachau“ ist nicht der erste Schritt, um diesem Problem Herr zu werden. So sollen nun jene Wasserverbindungen, die bereits in zwei vorangegangenen Projekten seit 2003 die bestehenden Altwässer mit der Donau verbunden hatten, weitergeführt und vervollständigt werden.

Ursachen reichen bis in Kaiserzeit zurück
Die hydrobiologische Malaise, welche letztlich zum „Auenwildnis“-Projekt führte, hat mehrere Ursachen. Einige reichen teilweise bis ins späte 19. Jahrhundert zurück. „Niemand dachte damals an Ökologie. Die Absicherung des Donau-Niveaus, um problemlose Schiffsfahrt zu ermöglichen und die landwirtschaftliche Nutzung des Gebietes, hatten damals Priorität. Zu diesem Zweck wurden entlang der bestehenden Altwässer an mehreren Stellen Traversen errichtet, welche den Durchfluss stark reduzierten“, erläutert Bernhard. Zur Lösung sollen die alten Traversen und die im ersten Projekt von 2003 errichteten Brücken durch neue Brücken mit deutlich größeren Durchflussöffnungen („Rührsdorfer Brücke“ und „Silbersee Brücke“) ersetzt werden. Die Bauarbeiten laufen. Weitere Hydro-Dynamik soll eine zweite Einströmöffnung – eine erste wurde bereits vor Jahren errichtet – leisten. Auch terrestrische Maßnahmen sollen die Fortpflanzung von Fischen befördern: „Uferabflachungen sind hier ein ganz essentieller Punkt“, so der Projektleiter. Auch wenn tote Bäume und anderes Totholz kaum die Rangliste der Symbole lebendiger Natur anführen, haben sie vitalisierende Wirkung auf das Leben im Wasser. Sie fungieren einerseits als Nahrungsquelle für Fische, wenn Partikel und Nährstoffe sich an ihnen ablagern. Außerdem dienen sie als Laichplatz und Schutz für ebendiesen. „Der Anteil, den die Donauschifffahrt zur Vernichtung von Fischlaich beiträgt, ist erheblich. Die Wellen, die dabei erzeugt werden, sind das Problem. Seit den Lockdown-Monaten, als nur wenige Schiffe fuhren, wird aus der Fischerei eine deutlich bessere Überlebensquote bei der Fischbrut berichtet“, erläutert Polz.

Auch an Amphibien, Vögel und Fauna wurde gedacht
Ob die Bemühungen langfristig positive Effekte zeitigen werden, lässt sich wohl erst in wenigen Jahren beurteilen. Ist nicht Skepsis angebracht, dass Verlandungsentwicklungen fortsetzen? „Was das angeht, haben wir aus früheren Projekten gelernt. Schon 1996 habe ich an Renaturierungsarbeiten mitgewirkt, die ähnliche Zielsetzungen hatten“, sagt Karl. Die „Auenwildnis Wachau“ verfolgt einen gesamtheitlichen Ansatz und besteht tatsächlich aus mehreren ineinandergreifenden Projekten, die mehr als nur den Fischbestand im Auge haben. „Im Rahmen eines weiteren Projektes sollen Tümpel eingerichtet werden, um Fröschen und anderen Amphibienarten Lebensraum zu bieten. „Im Bereich der Fauna soll die Anzahl der Neophyten reduziert werden. Diese nicht-heimischen Pflanzen sind oft sehr expansiv und verdrängen die heimischen Gewächse. Das kann im Extremfall zu Monokulturen führen.“ Und auch an die Vogelpopulation ist gedacht. So wurden im Auwaldgebiet fünf Kunsthorste errichtet, die Seeadler zur Brut verlocken sollen. „An dieser Stelle profitieren wir von einer Kooperation mit der NGO ,Bird Life‘, welche die Kunsthorste bereitstellte“, so Karl. Die „Auenwildnis Wachau“ kann nur durch Arbeitsteilung verschiedener Projektpartner umgesetzt werden. So ist der Verein „Welterbegemeinden Wachau“ für die terrestrischen Maßnahmen zuständig, „via donau“ konzentriert sich auf die aquatischen Zuständigkeiten. „Die Marktgemeinde Rossatz-Arnsdorf beteiligt sich mit der Erstellung eines Themenpfades“, ergänzt Bürgermeister und Heurigenwirt Polz. Weitere – auch finanziell – Beteiligte sind die NÖ Landesregierung, der NÖ Landesfischereiverband und die Österreichische Fischereigesellschaft.

Ein Projekt mit einer sehr langen Geschichte
Während die „Auenwildnis Wachau“ bei Rossatz bis 2022 in die Verlängerung geht, können Roland Schmalfuß und Florian Seidl im Pausenraum des 35 km flussabwärts gelegenen Kraftwerkes Altenwörth bereits auf ein abgeschlossenes, vielfach größeres Projekt zurückblicken. Projektleiter Schmalfuß und Pressesprecher Seidl arbeiten beim Energiekonzern Verbund, welcher „LIFE Traisen“ federführend zur Umsetzung brachte. Sie breiten eine große Karte auf, die das Umsetzungsgebiet des Projektes „LIFE Traisen“ zeigt. „Es war das bis dato größte Renaturierungsprojekt Österreichs mit einer wirklich langen Vorgeschichte“, meint Schmalfuß. Kurz skizziert: Nach der Errichtung des Wasserkraftwerks Altenwörth wurde die Donaumündung der Traisen in den 1970ern von Traismauer um 7,5 Kilometer parallel zur Donau ins Unterwasser des Kraftwerkes umgeleitet. „Ansonsten hätte es einen Wasserrückstau in der Traisen gegeben“, erklärt Schmalfuß. Natürlich wurde damals in diesem Flussabschnitt nicht auf die Lebensraumgestaltung für typische Pflanzen- und Tierarten geachtet. Auch eine Verbindung zu den umliegenden Landschaften und Augewässern gab es nicht. Die Ziele des „LIFE Traisen“-Projektes wurden unter anderem an der EU-Wasserrahmenrichtlinie von 1999, welche die Verbesserung der Wasserstruktur beinhaltet, abgesteckt. Nach dieser Richtlinie gilt der betroffene Traisenabschnitt als „erheblich verändertes Gewässer“, weil durch das KW Altenwörth eine Rückkehr zum „guten ökologischen Potential“, beziehungsweise zum Ausgangszustand nicht mehr möglich ist. „Allerdings ist in dieser Richtlinie ein entscheidender Faktor die Biomasse, also der Fischbestand.“

Auch Traisen-Projekt musste durch Umweltprüfung
„Zunächst gab es da die privaten Grundeigentümer wie etwa das Stift Herzogenburg oder die Gutsverwaltung Metternich, die sich vorstellten, dies als Projekt durchziehen zu können. Als sie dann gemerkt haben, wie groß diese Sache wird, haben sie sich an den Verbund als Hauptträger gewandt“, erklärt Schmalfuß. Während es sich bei der „Auenwildnis Wachau“ um 1,5 Kilometer handelt, ging es bei „LIFE Traisen“ um Arbeiten entlang eines rund 7,5 Kilometer langen Flussabschnittes. Was bombastisch klingt, brachte für die Involvierten aber nicht nur Vorteile. So musste das Traisen-Projekt einer Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) unterzogen werden, während das Rossatzer Projekt ohne UVP durch den Behördenweg flutschte. „Wir hatten damals vor, etwa 100 Hektar Auwald zu roden in einem Schutzgebiet der Kategorie A. Der Schwellenwert für eine UVP liegt in dem Fall bei 10 Hektar, also war es kein Wunder, dass eine UVP angesetzt wurde. Heute ist die Gesetzeslage lockerer“, konstatiert Schmalfuß nüchtern. Auch das Förderansuchen bei der EU-Kommission verlief nicht friktionsfrei. „Ein erster Antrag wurde abgelehnt. Unter anderem mit der Begründung, der Kiesabtransport aus dem Gebiet solle nicht per LKW sondern per Schiff erfolgen.“ Der Hoffnung des Verbunds, einen Teil der Projektkosten durch Verkäufe von Kies und Schotter aus dem Gebiet hereinzuholen, wurde damit ein Ende gesetzt. „Aufgrund der geringen Bautätigkeit während der Wirtschaftskrise ab 2009 waren die Preise sowieso im Keller, aber Kies auf einem Schiff braucht absolut niemand“, erinnert sich Seidl. Auch mit der Gemeinde Zwentendorf gab es Probleme: Anrainersorgen wegen LKW-Verkehr, geplante Anfechtungen des positiven UVP-Bescheides, es gab auch Vorwürfe, es handle sich um ein Kiesabbauprojekt mit „grünem Mantel“. Die Vorbereitungszeit von „LIFE Traisen“ erstreckte sich von 2009 bis 2012. Aus den ursprünglich veranschlagten 12,5 Millionen Euro wurden final 30 Millionen – inklusive aller Förderungen.
Kern der öko-baulichen Maßnahmen von „LIFE Traisen“ war die Schaffung eines neuen Traisenarmes, sowie einer neuen Donaumündung der Traisen einige Kilometer ostwärts des KW Altenwörth. Schmalfuß breitet eine Karte des Gebietes aus. Die farbigen Flächen entlang des neuen Traisenverlaufes weisen auf schützenswerte Tierarten wie Fledermäuse und Amphibien hin, welche im Vorfeld von Biologen festgestellt wurden. „Als wir die Analysen sämtlicher Biologen und Ökologen übereinandergelegt haben, wussten wir erst, wie schwer die Schaffung des neuen Verlaufes werden würde.“
Entlang des Gebietes wurden, wie auch in der Wachau, Uferabsenkungen vorgenommen, um dynamische Auwaldlandschaften entstehen lassen zu können. 1,6 Millionen Kubikmeter an Material – vor allem Kies – wurden entnommen. Ein weiteres wichtiges Element: Raubäume. Etwa 160 davon wurden entlang des neuen Traisenarmes platziert. „Das strukturiert die Uferlandschaft und bietet Fischen unterschiedlicher Lebensstadien geeigneten Lebensraum“, führt Pressesprecher Seidl aus.
 
Der Fischreiher zeugt vom guten Fischbestand
Hat „LIFE Traisen“ seine Ziele erreicht? Wurde ein dynamischerer, vitalerer Lebensraum für Fische und andere Tierarten sowie heimische Pflanzen geschaffen?
Zum terrestrischen Zustand, also der Entwicklung des Auwaldes, meint Seidl, dass es nur wenige Neophyten gebe. Zum Fischbestand führte Stefan Schmutz vom hydrobiologischen BOKU-Institut bereits während der „heißen Phase“ des Projektes Monitorings durch. Diese werden jährlich wiederholt. Zum abgeschlossenen Traisen-Projekt liefern er und Kollegen eine weitgehend sehr positive Analyse. „Schon kurz nach der Fertigstellung zeigte sich eine rege Besiedelung mit donautypischen Fischen und eine hohe Dichte“, sagt Schmutz. Ende 2019 ließen sich von 50 Donaufischen bereits 32 in der Traisen finden, darunter etwa die Barbe.
Im Fach „Fischökologischer Zustand“ hat sich die Traisen im fünfstufigen Benotungssystem von „unbefriedigend“ (4) auf „gut“ (2) verbessert. Und diese Verbesserung soll etwas heißen, denn die Erhebungen und Beurteilungen werden nach strengen Methoden-Standards und Leitfäden durchgeführt. „Bei der Streifenbefischungsmethode sind wir beispielsweise mit Elektrofangbooten unterwegs und versuchen, die Bestände flächenmäßig definierter Streifen zu quantifizieren. Weiters haben wir uns Jungfisch- und Laichplatzbestände mittels je eigener Kartierungsmethoden angesehen“, so Schmutz. Als Maßstab zur „Benotung“, welche sich durch den „Fish Index Austria“ bildet, wird die „potentiell natürliche Fischfauna“ herangezogen. Je mehr der erhobene Zustand jenem unberührten, natürlichen Zustand ähnelt, desto besser die Benotung. „Alles, was wir uns vor elf Jahren zum Ziel gesetzt hatten, ist eingetreten“, meint Projektleiter Schmalfuß zufrieden. „Und selbst wenn man kein Hydro-Biologe ist: Die zahlreichen Fischreiher hier legen auch für Laien ein eindeutiges Zeugnis ab“, meint er verschmitzt.