MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Land in Sicht

Text Johannes Reichl
Ausgabe 06/2021

Irgendwie erinnert mich – ich gestehe, es ist weit hergeholt und ich verstehe, wenn ich dafür geprügelt werde – das Atrium der Wirtschaftskammer Niederösterreich mit seinen weißen Lamellen immer ein bisschen an das New Yorker Guggenheim-Museum. Schade, dass man diese spannende Innenarchitektur nur selten zu Gesicht bekommt. Diesmal habe ich allerdings einen Anlass – ich treffe Präsident Wolfgang Ecker.

Dessen Büro liegt im 6. Stock des Gebäudes, für St. Pöltner Verhältnisse also hoch über den Dächern der Stadt. Während wir im Foyer warten, machen wir es uns in zwei gelben Fauteuils gemütlich, daneben erinnert ein großes Roll-Up an das Programm des Präsidenten: „Zukunft.Gemeinsam.Unternehmen.“ Vorgenommen hatte sich Ecker, der im Mai vorigen Jahres das Amt aus den Händen von Langzeitpräsidentin Sonja Zwazl übernahm, jede Menge. „Natürlich tritt man an, um gemeinsam mit seinem Team und der Kammerleitung neue Ziele zu definieren und in gewissen Bereichen Erneuerungen sowie Verbesserungen anzustoßen – da hatten wir so einiges geplant.“ Es sollte aber anders kommen, weil eine andere Sache den Neopräsidenten voll und kompromisslos in Beschlag nehmen sollte und den Zukunftshorizont auf absolute Gegenwart eindampfte: Corona. „Am 12. März hatten wir noch eine Klausur des erweiterten Präsidiums. Mittags brachen wir ab, damit alle zurück in ihre Unternehmen können.“ Vier Tage später befand sich Österreich im Lockdown. Eckers Zukunftsideen mussten notgedrungen einem dauerhaften Krisenbewältigungsmodus weichen und der Präsident sah sich einer Situation gegenüber, für die es bislang keine Blaupause gab. Der berühmte Sprung ins kalte Wasser wurde zu einem in einen heran rollenden Tsunami – auf dem Ecker freilich wie viele andere mit der Zeit zu surfen lernte. Heute, über ein Jahr später und um zig Corona-Erfahrungen reicher, ist er überzeugt, „dass wir als Kammer die Sache im Großen und Ganzen sehr gut gemacht haben“, was er auch jenen Kritikern ins Stammbuch zu schreiben scheint, die anfangs der Pandemie an der effizienten Abwicklung des Härtefallfonds durch die Wirtschaftskammer Zweifel hegten. „Ich wage zu behaupten, dass das niemand besser hätte umsetzen können als wir! Die Unternehmen sind rasch zu ihrem Geld gekommen – das kann man wahrlich nicht von allen öffentlichen Hilfsprogrammen behaupten.“

Wem die Stunde schlägt
Die Kammer habe gerade in der Krise unter Beweis gestellt, „dass sie als starke Standesvertretung unverzichtbar ist. Wer bitte soll denn die Interessen der Unternehmen sonst vertreten, wenn wir Unternehmer es nicht selbst tun?“, wirft Ecker rhetorisch in den Raum und beantwortet auch gleich meine noch gar nicht gestellte Frage mit, demnach manche Unternehmer sich aber nach wie vor an der Pflichtmitgliedschaft stoßen. „Diese Kritik gab es schon immer und wird es immer geben. Die Pflichtmitgliedschaft ist aber ein effizientes und gerechtes System, weil es einen Ausgleich zwischen großen und kleinen Unternehmen schafft und dadurch gewährleistet, dass alle gleichermaßen vertreten werden.“ Die Kammer mit ihrer Mischung aus „hervorragenden Fachexperten und Funktionären, die in der täglichen Praxis unterwegs sind“ sei jedenfalls als Speerspitze unersetzbar und bedeute für die Mitglieder einen Mehrwert, wie der Präsident überzeugt ist. „Häufig ist den Mitgliedern ja gar nicht bewusst, wie viel an Information und Expertise – wohinter ja enormes Know-how und Knochenarbeit steckt – sie in Anspruch nehmen.“
Selbstredend sei man auch während der Pandemie direkt an der Front gestanden. Die häufigsten Mitglieder-Fragen betrafen allen voran, welche Unterstützungsleistungen man angesichts coronabedingter Betriebsschließungen und Kollateralschäden in Anspruch nehmen könne. Wobei sich relativ rasch herauskristallisierte, dass nicht alle Betriebe gleichermaßen betroffen sind. „Es gab Branchen, die nach einer ersten Schockstarre dann eigentlich wieder eine ganz gute Entwicklung genommen haben, wenn ich etwa an die Baubranche denke. Andere wiederum wie etwa Gastronomie und Hotellerie sind hingegen bis heute schwer getroffen und werden wohl noch länger Unterstützung brauchen.“ Die Pandemie habe jedenfalls vor Augen geführt, wie heterogen die Wirtschaft strukturiert ist – nach Größe, Form, ja selbst nach Inhalt „weil es allein in der Bekleidungsbranche wieder zahlreiche Varianten gibt.“ Für die Wirtschaftskammer sei es daher eine Mammutaufgabe gewesen – und ist es nach wie vor – darauf zu achten, dass keiner auf der Strecke bleibt. „100% sind vielleicht nie möglich, sie müssen aber unbedingt unser Ziel sein, weshalb wir nach wie vor für bestimmte Branchen und Bereiche Nachbesserungen von der Regierung einfordern. Ich kann mich ja nicht zurücklehnen, weil sozusagen eh 95% Hilfe erhalten haben, wenn es zugleich 5% Fälle – und sei es auch nur 1% – gibt, die noch in kein Förderschema passen und um ihre Existenz kämpfen. Hinter jedem Unternehmen stehen Menschen, das darf man nie vergessen!“

Licht im Dunkel  
Menschen, die freilich – und auch dies habe die Pandemie gezeigt – enorm anpassungsfähig und innovativ sein können. „So unglaublich es klingt, aber wir hatten im Jahr 2020 im Gewerbe bei den Gründern sogar mehr Wachstum als 2019, auch ein Plus bei den Arbeitskräften in diesem Bereich“, verweist der Präsident auf einen der wenigen Lichtblicke der Pandemie. „Und natürlich gab es auch Branchen, was ihnen herzlich gegönnt sei, die von Corona profitiert haben.“
Auf der Positivseite der Pandemie verortet der Präsident zudem, frei nach seinem Lebensmotto „Es gibt nichts Negatives, von dem du nicht auch etwas Positives mitnehmen kannst“, die Entwicklung in Sachen Digitalisierung und Automatisierung, die einen regelrechten Turboboost erhalten hat. „Da hat uns die Pandemie um Jahre nach vor geschleudert – und das ist gut so“, konstatiert Ecker, der seine persönlichen Erfahrungen aus dem Unternehmen und der Kammer als Beispiel nennt. „Wie haben wir anfangs etwa mit den Zoom-Konferenzen und Co. gekämpft. Nun sind sie selbstverständlich. Manches, was die Pandemie mit sich gebracht hat, wird wohl auch bleiben.“ Etwa die Einsicht, dass nicht jedes Meeting physisch von statten gehen muss und nicht jede Dienstreise unbedingt notwendig ist – Zeitersparnis, Ressourcenschonung und Umweltverträglichkeit inklusive. Ecker zählt im Übrigen auch nicht zu jenen Apokalyptikern, die mit dem Heraufdämmern der Digitalisierung und Automatisierung das Ende klassischer Arbeit per se gekommen sehen. „Natürlich wird es Verschiebungen in der Arbeitswelt geben. Hier bedarf es vor allem guter Weiterbildungs- und Umschulungsangebote. Zugleich werden aber auch neue Jobs entstehen, aufgrund steigender Produktivität selbst in den klassischen Bereichen.“

Sidestep Arbeitslosigkeit
Was uns einen Sidestep zu einem tagesaktuellen Thema (ja auch solche gibt es wieder abseits Corona, ein weiteres Indiz dafür, dass es bergauf geht) erlaubt. So hatte zuletzt der Vorschlag von WKÖ-Präsident Harald Mahrer, demnach das Arbeitslosengeld für Langzeitarbeitslose auf 40% sinken soll, für einen Aufschrei gesorgt. Ein Ansatz, den Ecker teilt? „In der Grundidee, um einen Anreiz für einen relativ raschen Wiedereinstieg zu schaffen, ja, wobei mir ein gestaffeltes Arbeitslosengeld vorschwebt. Aktuell beträgt die Nettoersatzrate ja 55%. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass diese zu Beginn sogar höher ausfallen kann, in Folge aber sukzessive sinkt. Auf den Gesamtbedarf bezogen erfolgt dadurch lediglich eine Umverteilung.“ Zudem müsse man in diesem Zusammenhang auch, wie Ecker überzeugt ist, „an der einen oder anderen Schraube drehen, damit wir am Arbeitsmarkt flexibler werden.“ Stichwort Zumutbarkeitsgrenzen? „Ja, aber anders aufgezogen. Warum soll ein Arbeitnehmer, dessen Arbeitskraft vielleicht anderswo gebraucht wird, nicht dorthin ziehen, wenn es zuhause auf Sicht keine Arbeit für ihn gibt? Es geht dabei aber nicht um Zwang, sondern man muss Anreize schaffen, damit sich dieser Schritt für den Arbeitnehmer lohnt – ich denke da zum Beispiel an finanzielle Unterstützung beim Aufbau einer neuen Existenz am neuen Ort. Das würde uns am Ende des Tages billiger kommen, als über viele Monate Arbeitslosengeld zu bezahlen, und für den Betroffenen wäre das Arbeiten wahrscheinlich erfüllender, als nur zuhause zu sitzen.“

Sozialpartnerschaft reloaded
Es liegt auf der Hand, dass diese Positionen diametral zu jener der „Spiegelkammer“, also der Arbeiterkammer stehen. Die hat sodenn, etwa in Form von AK-Vorarlberg-Präsident Hubert Hämmerle, Mahrers Vorschlägen eine klare Absage erteilt. „Die Strategie von Mahrer und Co. ist immer die Gleiche: Während auf Wirtschaftsseite ‚koste es, was es wolle‘ die Devise ist, heißt es auf Arbeitnehmerseite meist ‚darf es ein bisserl weniger sein!‘“
Ecker sieht das naturgemäß anders, wobei er die prinzipielle Zusammenarbeit mit der Arbeiterkammer in Niederösterreich als äußerst positiv bewertet. Sie habe sich insbesondere auch im Zuge der Pandemie bewährt, wie überhaupt die in den letzten Jahren immer wieder in Frage gestellte österreichische Sozialpartnerschaft „absolut zeitgemäß ist! Wir haben auf kürzestem Wege und ohne viel Tamtam sehr weitreichende Entscheidungen mit auf den Weg gebracht und Maßnahmen eingeleitet“, so der WK-Präsident. Man denkt dabei an die Rolle der Standesvertretungen bei Themen wie Kurzarbeit, Homeoffice etc., Ecker führt aber als konkretes Beispiel in Niederösterreich auch die betrieblichen Testungen an „die wir gemeinsam mit der Arbeiterkammer als Projekt aufgesetzt haben und die von uns vorfinanziert wurden, obwohl der Bund noch gar keine Zusage gegeben hatte. Wir haben es einfach durchgezogen, weil es notwendig war!“ Ähnliches Leadershipment habe man zuletzt auch gemeinsam mit dem Land im Falle der Betriebs­impfungen bewiesen „die sensationell angenommen werden. Ich habe erst unlängst eine Impfstraße besucht – es ist ein unbeschreibliches Gefühl, in die glücklichen Gesichter der Geimpften zu sehen. Man merkt richtig, wie den Menschen ein Stein vom Herzen fällt.“

Comeback 2022 mit Klimaturbo?
Gerade das Impfen, davon ist Ecker überzeugt, weist den Weg in die Normalität zurück, weil es den Kreislauf aus Aufsperren und Zusperren durchbricht. Dadurch stünde einem Comeback der Wirtschaft nichts im Wege, deren Aussichten er gar nicht so düster einschätzt. „Wir gehen heuer von einem Wachstum von über 3%, im kommenden Jahr von 4% aus. Bis Ende 2022 rechne ich mit einer nachhaltigen Erholung.“ Niederösterreich könnte dabei insofern mit einem blauen Auge davonkommen, „weil wir den Vorteil haben, dass unsere Wirtschaft auf mehreren Säulen ruht – Handel, Industrie, Gewerbe, Tourismus. Jene Bundesländer hingegen, die eher von einem Sektor – allen voran Tourismus – abhängen, werden länger zu kämpfen haben.“ Zwar werde auch in Niederösterreich die eine oder andere Betriebsschließung nicht zu verhindern sein, „vor allem wenn die Förderungen auslaufen“, ein großes Massenbetriebssterben sieht Ecker auf das Bundesland aber nicht zukommen. „Sehr wohl wird es aber zu einer durch die Corona-Hilfen quasi nur verschleppten natürlichen Strukturbereinigung kommen.“
Ein Motor für die Wirtschaft, womit wir auf die Makroebene und die Zukunftsperspektive zurückkehren, könnte dabei vor allem der Klimaschutz werden. Auch diesbezüglich gab es zuletzt freilich harsche Kritik an der Wirtschaftskammer bis hin zu Fridays For Future-Demos, nachdem ein internes Papier kursierte, in dem das geplante neue Klimaschutzgesetz in Teilen strikt abgelehnt wird. Ecker versucht negative Emotionen aus der Debatte rauszunehmen. „Generell steht die Wirtschaft zu 100% hinter den Klimaschutzzielen der Regierung und Umweltschutz im Allgemeinen. Wir haben diesbezüglich in der Vergangenheit auch immer unsere Hausaufgaben gemacht, und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Wir sind selbst Menschen und von den Folgen des Klimawandels betroffen, wir sind selbst Mütter und Väter, die ihren Kindern und Enkeln eine lebenswerte Welt hinterlassen möchten.“
Bedenken treiben die Wirtschaft aber vor allem im Hinblick auf die Finanzierungsfrage um: Wer soll die Transformation bezahlen? „Wir sehen den Klimaschutz durchaus als Wachstumschance. Aber die Klimaschutzziele müssen so definiert werden, dass sie nicht nur nicht überbordend, sondern vor allem auch leist- und damit am Ende des Tages für die Wirtschaft umsetzbar sind. Sonst wird es nämlich gar nicht funktionieren“, warnt der Präsident.
Ecker plädiert deshalb für ein System, welches „auf Anreize statt auf Strafen setzt. Ein Hebel könnte etwa über Steuererleichterungen erfolgen“, schlägt er vor und bringt als Positivbeispiel „die Investitionsprämie, die sehr gut angenommen wurde.“ Das Steuersystem werde in Sachen Wettbewerbsfähigkeit überhaupt wieder in den Fokus rücken müssen „wenn wir an den Dauerbrenner Lohnnebenkosten denken, die in Österreich nach wie vor zu hoch sind, oder an Fragen der Kaufkraftsteigerung.“
Aktuell sei man klarerweise noch voll und ganz mit den Folgen der Pandemie beschäftigt, „aber ab Herbst – so keine nächste Welle kommt, wie wir alle hoffen – wird man sich wieder mit diesen Fragen auseinandersetzen müssen.“ Und dann, ja dann wird sich auch der Präsident wieder seinen ursprünglich geplanten Ideen und Maßnahmen für die Zukunft der Wirtschaftskammer Niederösterreich widmen können, denn diese sind, wie er abschließend betont, „nur aufgeschoben, nicht aufgehoben!“