MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Hassliebe

Text Thomas Winkelmüller
Ausgabe 09/2021

Ich gestehe, in dieser Ausgabe bekritteln wir St. Pölten stark für den Umgang mit der eigenen Jugend. „Beating a dead horse“, lautet eine Redewendung, die mir in diesem Kontext einfällt. Seit jeher verteidigen junge St. Pöltner:innen nach außen ihre Stadt, um dann zuhause erst recht auf sie zu schimpfen. Dabei finde ich, dass die Stadt sich um ihre Jugend bemüht. Der neue Vinyl-Sampler hat Musiker:innen auf die Bühne geholt. St. Pöltens Jugendsozialarbeit läuft gut. Der Sonnenpark bietet diverse Freizeitprogramme.
Trotzdem stehe ich immer wieder aufs Neue in der Innenstadt und frage mich, was ich hier machen soll. Ein Kaffee im Cinema oder doch lieber der Rausch im Kastl. Das mag fünf Jahre lang nett angemutet haben. Irgendwann reicht es aber.
St. Pölten bemüht sich und trotzdem geht irgendwie nichts weiter. Woher rührt diese gefühlte Ambivalenz? Ich glaube: St. Pölten kann mit der Konkurrenz durch Wien und Linz niemals mithalten, ganz gleich was es bietet. Wir sind gefangen zwischen zwei Riesen der österreichischen Jugendszene. St. Pölten macht ein Event - in Wien gibt es dasselbe in besser oder größer. Damit müssen wir uns ein Stück weit abfinden und uns in Genügsamkeit üben, auch wenn es wehtut.
Das soll Misserfolge und Versäumnisse aber nicht relativieren. Gerade wegen diesem Umstand muss sich St. Pölten doppelt anstrengen. Innovative Ideen und radikale Maßnahmen sind gefragt, um attraktiv zu sein. Mir fällt auf, jetzt kritisiere ich die Stadt erst recht wieder, aber das liegt uns hier wohl im Blut.