MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Jugendarbeit in St. Pölten – Mehr als „nur spazieren & tratschen“

Text Johannes Mayerhofer
Ausgabe 11/2021

Die St. Pöltner Mobile Jugendarbeit „Nordrand“ feierte ihren 21. Geburtstag. Zeit für einen genaueren Blick. Wie ticken die Streetworker? Mit welchen Vorurteilen sind sie konfrontiert? Und was beschäftigt die Jugendlichen?

Was Streetwork in Nieder­österreich betrifft, wurde in St. Pölten vor 21 Jahren ein zentraler Grundstein gelegt. Im Jahr 2000 wurde hier die Organisation „Nordrand“ als erste mobile Jugendarbeit des Bundeslandes ins Leben gerufen. „Wir kümmern uns um das Gebiet St. Pölten, Eichgraben und Böheimkirchen“, erklärt Julia Zauchinger, Leiterin des vierköpfigen „Team Nordrand“. Andere Zonen werden von den Partnerorganisationen Südrand, Westrand und Streetwork Pielachtal betreut. Zauchinger ist Dienstälteste des aktuellen Teams. Sie stieß 2010 zu Nordrand, absolvierte davor das Studium „Soziale Arbeit“ und ein Praktikum beim späteren Arbeitgeber. „Die Arbeit als Streetworker hat einige Besonderheiten“, erklärt die 33-Jährige. „Wir wissen genau, wann wir anfangen zu arbeiten, wir wissen auch genau, wann wir aufhören. Aber was dazwischen genau passiert, ist oft komplett unvorhersehbar.“ An manchen Tagen hätten sie und ihr Team 40 Kontakte mit Jugendlichen oder mehr, an anderen Tagen gerade mal zehn. Manche Tage seien auch beratungsintensiver als andere. Die Jugendberatungsstelle befindet sich seit nun vier Jahren in unmittelbarer Nähe des St. Pöltner Bahnhofs. Auch andere „Mitstreiter“ Zauchingers haben bereits jahrelange Streetwork-Erfahrung. So etwa Elke Bandion, die seit einem Praktikum vor etwa vier Jahren zu Nordrand gekommen ist, aber ursprünglich aus dem handwerklichen Bereich kommt. „Dort war ich für die Lehrlingsbetreuung zuständig“, erzählt die 39-Jährige. „Von daher hatte ich schon damals einen besonderen Zugang zu Jugendlichen. Da ging es aber rein um die technische Seite. Wie es den Jugendlichen geht, welche Probleme sie haben, was sie beschäftigt, das sollte mir streng gesagt wurscht sein. Und das war mir dann auf Dauer zu wenig.“ Es folgte ein Studium der Sozialen Arbeit. „Mit Beginn der Corona-Pandemie“, so Bandion, „hat sich das Bewusstsein bezüglich des Wertes von Jugendarbeit verändert.“ Zauchinger erklärt weiters: „Jugendliche waren da auch medial immer wieder als Sündenböcke zu sehen, etwa wenn sie sich in Phasen des Lockdowns und der Kontaktbeschränkungen mit Gleichaltrigen getroffen haben. Da hieß es meist ,Das sind Superspreader‘, was ich aber für einen ausgesprochenen Blödsinn halte.“ Erwachsene hätten sich ebenso immer wieder „illegal“ getroffen, ohne dass es einen vergleichbaren Aufschrei gegeben habe, so die Streetworker.
Das Bewusstsein darüber, dass diese gleichaltrigen Kontakte unerlässlich für die Entwicklung der Jugendlichen sind, sei jedenfalls im Rahmen der Pandemie gestiegen und die Jugendberatungsstelle sei während des ersten Lockdowns auch nur kurzfristig geschlossen gewesen. Bezüglich der langfristigen psychischen Auswirkungen der anhaltenden Pandemie zeigen sie sich skeptisch. „Das Gute an unserer Arbeit ist, dass man Jugendliche in ihrer Entwicklung begleiten und notfalls auch lenkend eingreifen kann, falls mal etwas schief läuft. Dadurch lässt sich verhindern, dass daraus Erwachsene werden, die ihr Leben lang Hilfe benötigen“, erklärt Michael Riedlberger sein Arbeitsethos als Jugendbetreuer.

Vorbilder bieten, die es familiär nicht gibt
Jedes Mitglied der Nordrand-Crew versucht, eigene Stärken, Fähigkeiten und Interessen in die Arbeit mit einfließen zu lassen. „In meinem Fall wären das etwa die Themen Sport und Bewegung, wie auch Ernährung und Gesundheit“, meint Riedlberger. All das spielt auch eine Rolle hinsichtlich der pädagogischen Schwerpunkte. Eine große Rolle spielen etwa traditionelle und überholte Männlichkeitsbilder, die Vorstellungen von Stärke mit Gewalt verbinden und klare „Frauen-“ wie „Männerangelegenheiten“ definieren. „Wenn man dann zu einem Jugendlichen sagt: ,Komm, wir kochen jetzt mal was zusammen.‘, kann dann schon mal die Frage kommen: ,Wieso soll ich kochen? Das machen doch die Frauen.‘“, berichtet Riedlberger. Wenn männliche Jugendliche aber sehen, wie normal es ist, wenn Jungs kochen, während die Mädchen nebenbei zum Beispiel ein Regal zusammenschrauben, dann geraten die starren Rollenklischees bei manchen schnell ins Wanken. „Oft ist es auch so, dass Jungs das genießen, Dinge zu tun, die zum Beispiel im Familien- und Freundeskreis als unmännlich gelten. So gesehen können wir hier Vorbildrollen übernehmen, die privat vielleicht oft in der Art nicht existieren“, so Riedlberger. All das geschehe aber stets beiläufig und zwanglos. Ein weiterer Grundpfeiler nordrand‘scher Jugendarbeit hat mit Aufklärung zu tun. „Alles, was in der Gesellschaft insgesamt für Zwist und Streit sorgt, beschäftigt natürlich auch die Jugendlichen“, merkt Zauchinger an. Wenn etwa ein Jugendlicher behauptet, dass das SARS-CoV-2-Virus gar nicht existiere, dann sei es sinnvoll im Gespräch zu ergründen, wie er zu dieser Ansicht kommt, auf welche Art er sich informiert etc. „Fehlinformation betrifft ja nicht nur – aber eben auch – Jugendliche“, wirft Bandion ein. Wichtig sei, sich gemeinsam mit den Jugendlichen die jeweiligen Themen anzuschauen, zu vermitteln, wie man vertrauenswürdige Quellen von unseriösen unterscheiden kann. „Da bräuchte es ein eigenes Schulfach für Medienkompetenz“, meint Riedlberger. Ja, gestehen die Jugendbetreuer, oft kämen die Jugendlichen mit Fragen, auf die auch sie keine Antwort parat hätten. Bandion dazu: „Es geht aber auch gar nicht darum, allwissend zu sein, sondern eher darum, mit den Jugendlichen etwas zu erarbeiten und sich mit etwas auseinanderzusetzen.“

„Sind für viele oft die erste und letzte Anlaufstelle“
So wie jede Berufsgruppe haben auch die Streetworker von Nordrand mit Vorurteilen gegen ihre Profession zu tun. Zauchinger nennt den Klassiker: „Sozialarbeiter sind nur am Spazierengehen und tratschen mit den Jugendlichen.“ Bandion kennt noch weitere Klischees. „Oft herrscht die falsche Vorstellung, dass mobile Jugendarbeit und Jugendberatung sich ausschließlich um extreme Problemfälle von Jugendlichen kümmert.“
Zweifellos sei dies auch bei Nord­rand ein Fixpunkt. „Wir begleiten immer wieder Jugendliche zur Polizei, wenn sie etwas strafrechtliches angestellt haben. Umgekehrt kommt es auch vor, dass uns die Polizei Jugendliche vorbei bringt, etwa nachdem sie Opfer von Gewalt- oder Sexualstraftaten geworden sind. Ein weiteres Thema sind Jugendliche, die obdachlos geworden oder von zuhause weggelaufen sind.“
Die Überschrift über der Arbeit von Nordrand – das betonen die Streetworker immer wieder – soll aber sein: Niemand muss „ein Problem“ haben, um willkommen zu sein. „Ein großer Teil unserer Arbeit“, so Riedlberger, „ist es, vertrauensvolle Beziehungen zu den Jugendlichen aufzubauen.“

Jugendliche können eigene Projekt-Ideen umsetzen
Die Arbeit von Nordrand umfasst viele Einzelprojekte. Ein Beispiel wäre die „Northside Gallery“, bei der Wände und Durchgänge in Bahnhofsnähe von den Jugendlichen – natürlich erlaubterweise – besprüht und künstlerisch gestaltet werden konnten. Eine weitere Idee: „Beim Bauhof in Eichgraben findet man zahlreiche Fahrräder, die weggeschmissen werden. Eine Idee wäre, diese Räder gemeinsam mit den Jugendlichen wieder fahrtüchtig zu machen und damit nicht nur die technischen Fähigkeiten der Jugendlichen, sondern auch den nicht-motorisierten Individualverkehr zu fördern.“ Seit 2021 gibt es ein weiteres Projekt zum Thema „Baumklettern“. „Es ist wichtig für Jugendliche, eigene Grenzen austesten zu können“, sagt Zauchinger dazu. Mit dabei sind nicht nur geschulte Kletter-Instruktoren. „Wir Streetworker klettern natürlich auch mit. Und dabei sehen die Jugendlichen: Auch wir Erwachsenen schaffen nicht alles und trauen uns nicht alles.“
Die Projekte werden bei Nordrand aber nicht zwangsläufig „diktiert“, die Jungen können ihre eigenen Vorschläge machen und dann selbst die Umsetzung übernehmen. „Da gab es Ideen wie Ausflüge zu einer Trampolin-Halle oder die Veranstaltung von Sportturnieren“, so Zauchinger. Dabei werden sie stets vom Nordrand-Team unterstützt. Und das ist oft auch notwendig, denn die Umsetzung einer Idee in die Praxis könne „schnell überfordernd sein“. Der Sinn der gesamten Übung: Selbstwirksamkeit und das Gefühl, etwas geschafft zu haben, zu erfahren.
Stolz präsentieren die Streetworker auch ihre 2019er Auszeichnung zur „Gesundheitskompetenten Jugendarbeit“. „Wir sehen Gesunheit nicht nur vom Standpunkt der Ernährung und Bewegung, sondern auch mit Blick auf psychisches Wohlbefinden.“ Nordrand und die Jugendberatungsstelle am Bahnhof werden kaum an Relevanz einbüßen, im Gegenteil. „Erst im Oktober hat eine wahre Institution der Jugendarbeit, das H2, zugemacht. Das ging ohne große Öffentlichkeit. Und das nach 30-jährigem Bestehen. Und diese Auswirkungen spüren auch wir.“ Die Schließung sorgt für große Fragezeichen bei den Streetworkern. „Genau in diesen Zeiten ein solches Zentrum zu schließen, dafür haben wir kein Verständnis.“