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#deckeldrauf – Braucht der Energie-Markt eine Bremse?

Text Georg Renner , Jakob Winter
Ausgabe 09/2022
GEORG RENNER
Der Wilhelmsburger arbeitet als Journalist bei der „Kleinen Zeitung“.

Braucht es eine breite Bewegung, damit wir alle die Raumtemperatur auf, sagen wir, maximal 18 Grad hin­aufheizen? Oder gar eine gesetzliche Regelung, wie wenig Energie wir alle verbrauchen dürfen? Sollen Heizpilze und Wärmestrahler im Freien verboten werden? Oder gar eine strikte Energie-Planwirtschaft, die bis ins Detail vorschreibt, wofür wir Strom und Gas einsetzen dürfen im Energiekrisenwinter?
Diese Diskussionen werden kommen, und umso mehr, je kühler es draußen wird. Aber tatsächlich braucht es nichts davon. Denn es gibt ein hocheffektives Instrument, mit dem wir als Gesellschaft gewohnt sind, die Verteilung knapper Vorräte zu steuern: den Markt.
Der hat in Österreich generell einen schlechten Ruf, und ganz besonders bei Gütern, die (über)lebensnotwendig sind. Aber die Steuerungswirkung der „unsichtbaren Hand“ ist genau das, was es jetzt braucht: Wenn jeder Gastwirt abwägt, ob es sich auszahlt, ein Heizschwammerl aufzustellen, auch wenn der Gaspreis sich vervierfacht, wird deren Zahl so oder so zurückgehen. Und wer es bei 23 Grad kuschlig warm haben möchte, muss dafür eben mehr Geld in die Hand nehmen.
Das ist ein im Grunde fairer Mechanismus. Zwei Dinge braucht es dafür aber: Erstens muss sichergestellt sein, dass zumindest für private Haushalte ein leistbares Grundkontingent an Energie – nennen wir es das Existenzminimum – sichergestellt ist. Das ist die Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen.
Zum anderen braucht es Transparenz: Wer Energie sparen will, sollte wissen, wofür er sie in den vergangenen Jahren ausgegeben hat. Smart Meter sind ein guter Ansatz, das nach und nach zu eruieren. Hier sind vor allem die Energieversorger gefragt, aufzuklären und Echtzeit-Daten für Verbraucher zur Verfügung zu stellen – und bei Bedarf individuell mit Rat zur Seite zu stehen, wenn jemand sparen will. Denn ein Markt lebt davon, dass alle die Details des Handels kennen.

JAKOB WINTER
Aufgewachsen in St. Pölten, emigriert nach Wien, Redakteur beim „profil“.

So richtig es ist, dass die Europäische Union an den Sanktionen gegen Russland festhält, so falsch wäre es, wenn sozial benachteiligte Haushalte die massiven Preissteigerungen für Energie am stärksten zu spüren bekämen. Machen wir uns nichts vor: Die soziale Treffsicherheit der Ausgleichszahlungen wird letztendlich mitentscheiden, ob die europaweiten Sanktionen gegen die russische Wirtschaft in den freien Demokratien des Westens weiter mehrheitsfähig bleiben.
Die von der österreichischen Bundesregierung geplante Strompreisbremse ist also im Grunde genommen durchaus sinnvoll, die Kritik am „Gießkannenprinzip“ aber zugleich mehr als berechtigt. Schließlich soll laut Plan jeder Haushalt, egal ob nun Singlewohnung oder Großfamilie, dieselbe Summe an Strom subventioniert bekommen,  nämlich 80 Prozent eines durchschnittlichen Haushaltsverbrauchs. Das ist treffsicher – daneben!
Immerhin könnte die Strompreisbremse aber dazu animieren, den eigenen Energieverbrauch kritisch zu hinterfragen. Denn wer mehr als ein Durchschnittshaushalt verbraucht, muss für den Mehrbedarf an Strom den aktuellen Marktpreis bezahlen. Und der wird – Preisbremse hin, Zuschüsse her – wohl weiterhin geschmalzen bleiben.
Bereits jetzt macht sich ein Rückgang beim Energiebedarf bemerkbar. Das liegt zwar zum Teil an stillgelegten Betrieben. Aber eben auch an einem Umdenken der Verbraucher. Und noch einen positiven Nebeneffekt hat die Krise: Sie zeigt, wie zentral eine möglichst unabhängige Energieversorgung ist. Man muss längst kein radikaler Öko mehr sein, um den Ausbau erneuerbarer Energiequellen für sinnvoll zu erachten – auch wenn sich damit kurzfristig die aktuelle Versorgungskrise nicht lösen lässt.
Bleibt zu hoffen, dass wir im Winter alle selbst entscheiden können, wie viel Energie wir sparen. Und nicht, dass wir durch Engpässe an Strom und Gas quasi von außen dazu gezwungen werden.