Hochschule im neuen Gewand
Text
Sascha Harold
Ausgabe
02/2026
Die ehemalige Fachhochschule St. Pölten heißt seit Herbst Hochschule für Angewandte Wissenschaften St. Pölten, oder kurz: USTP. MFG hat mit den beiden Geschäftsführern Hannes Raffaseder und Johann Haag über die Gründe gesprochen.
Die Fachhochschule St. Pölten tritt seit Herbst offiziell als Hochschule für Angewandte Wissenschaften St. Pölten, USTP, auf. Was war der ausschlaggebende Grund für diesen Markenwechsel und warum gerade jetzt?
Hannes Raffaseder Es gibt zwei wesentliche Faktoren: einen äußeren Rahmen und eine innere Überzeugung. Der äußere Anlass war die gesetzliche Möglichkeit in Österreich, sich nun auch offiziell „Hochschule für angewandte Wissenschaften“ zu nennen. Wir beobachten den Markt sehr genau; in Deutschland ist dieser Begriff bereits seit Jahren Standard, dort gibt es kaum noch Einrichtungen, die bei der alten Bezeichnung „Fachhochschule“ geblieben sind. In Österreich sind wir hier bei den Pionieren. Die inhaltliche Ebene ist jedoch viel entscheidender: Das Kürzel USTP ist für uns ein klares Bekenntnis zur angewandten Forschung und Wissenschaft. Wir gehören mittlerweile zu den forschungsstärksten Hochschulen in Österreich. Diese Forschung ist kein Selbstzweck, sondern sichert die Qualität unserer Lehre. Mit dem neuen Namen machen wir das, was wir seit Jahren leben, nach außen hin sichtbar. Intern merken wir, dass die Umstellung schneller greift als erwartet. Sogar bei langjährigen Mitarbeitenden, denen ab und zu noch ein „an der FH“ herausrutscht, korrigiert sich das Team mittlerweile selbst.
Wie sah der Prozess hinter den Kulissen aus?
Johann Haag Wir haben uns insgesamt eineinhalb Jahre Zeit genommen. Das war im Grunde ein intensiver Strategieentwicklungsprozess. Wir haben uns gefragt: Was sind unsere echten Stärken? Wir sind bekannt dafür, Trends frühzeitig zu antizipieren – egal ob technischer oder didaktischer Natur. Nehmen Sie das Thema Cyber Security: Heute kennt das jeder, aber wir haben schon vor 20 Jahren Studiengänge dazu angeboten, als viele noch skeptisch waren. Dieser Pioniergeist soll in der Marke USTP stecken.
Sie betonen auch die Internationalisierung. St. Pölten leitet eine sogenannte „European University“. Was verbirgt sich dahinter?
Raffaseder Das ist tatsächlich eines unserer wichtigsten strategischen Standbeine. Die „European University Initiative“ ist eine Flaggschiff-Initiative der EU, die auf eine Grundsatzrede von Emmanuel Macron zurückgeht. Sein Ziel war es, durch europäische Universitäten ein geeintes Europa zu schaffen. Wir leiten die Allianz „E³UDRES²“ und sind damit in einem sehr exklusiven Kreis. In den letzten fünf Jahren haben wir dadurch die Anzahl unserer europäischen Fördergelder und Kooperationen vervielfacht.
Das Besondere an unserem Netzwerk: Wir fokussieren uns auf das „Europa der Regionen“. Unsere Partner sitzen bewusst nicht in den großen Metropolen, sondern in dynamischen Klein- und Mittelstädten.
Wie schlägt sich St. Pölten im internationalen Wettbewerb um die klügsten Köpfe?
Haag Kürzlich haben wir den renommierten „Global Student Satisfaction Award” erhalten. Dass eine vergleichsweise kleine Hochschule wie unsere dort gewinnt, zeigt, dass wir international angekommen sind. Spannend ist die Begründung: Die Studierenden schätzen die „Nahbarkeit“. Trotz 4.000 Studierenden sind wir kein anonymer Apparat. Die Einbettung in die Region und die Lebensqualität in der Stadt – etwa die Tatsache, dass man in fünf Minuten mit dem Rad von der Vorlesung zum See fahren kann – wird international als enorme Lebensqualität wahrgenommen.
Ein Thema, das derzeit vieles verändert, ist Künstliche Intelligenz. Wie integriert die USTP KI in den Studienalltag?
Haag Wir haben eine sehr klare Policy: KI muss von Studierenden transparent eingesetzt werden und die gewonnene Zeit soll in das kritische Hinterfragen der Ergebnisse investiert werden. Kritisches Denken und Problemlösungskompetenz werden durch KI nicht weniger wichtig, sondern zum zentralen Skill der Zukunft. Im April eröffnen wir zudem ein eigenes „KI-Real-Labor“ mit einem angeschlossenen Rechenzentrum. Wir wollen KI „angreifbar“ machen – nicht nur für unsere Studierenden in Data Science, sondern für alle Disziplinen.
Stichwort Disziplinen: Wie stellen Sie sicher, dass die Studieninhalte bei dieser rasanten technologischen Entwicklung aktuell bleiben?
Haag Bei uns ist es verpflichtend, dass jedes Curriculum spätestens alle fünf Jahre komplett überarbeitet wird. Dabei holen wir Feedback von Absolventen, Studierenden und vor allem von Experten aus den jeweiligen Berufsfeldern ein. Wir fragen direkt: „Wie ändern sich eure Anforderungen in der Praxis?“ Dieser Innovationsschub ist fest in unseren Prozessen verankert. Das betrifft aber nicht nur die Inhalte, sondern auch die Didaktik. Dazu kommt unser moderner Campus. Der „Lernraum“ ist ja auch als dritter Pädagoge bekannt. In einem modernen, lichtdurchfluteten Gebäude mit flexiblen Möbeln lernt es sich anders als in einem verstaubten Hörsaal. Wir setzen in der Pädagogik auf Interaktion auf Augenhöhe.
Welche neuen Fachrichtungen dürfen wir in den nächsten Jahren in St. Pölten erwarten?
Haag Aktuell haben wir vom Ministerium die Zusage für den Start eines Bachelorstudiums im Bereich Elementarpädagogik im Herbst 2026. Im Medienbereich führen wir den Studiengang „Creative Media Production“ ein. Wir sehen hier einen großen Bedarf: Einerseits haben wir die High-End-Medientechnik, andererseits braucht es Kompetenzen für die immer wichtiger werdenden „Low-Level-Elemente“ der digitalen Produktion. Wir orientieren uns dabei eng an den Strategien des Bundes und den Forderungen der Industriellenvereinigung, um punktgenau dort auszubilden, wo der Arbeitsmarkt der Zukunft die größten Lücken hat.
Zum Abschluss: Die USTP St. Pölten hat inzwischen 4.000 Studierende. Ist damit das Ende der Fahnenstange erreicht?
Raffaseder Wirtschaftlich gesehen sind wir mit über 500 hauptberuflichen Mitarbeitenden bereits ein bedeutender Faktor für die Stadt. Aber wir denken über die reinen Zahlen hinaus. Durch unsere europäische Allianz haben wir Zugriff auf ein Netzwerk von über 100.000 Studierenden. Wir wollen eine Hochschule sein, die zwar regional fest verwurzelt ist, aber deren Absolventinnen und Absolventen weltweit gefragt sind. Die Entwicklung der letzten Jahre – mit einem Wachstum von 25 Prozent bei den Studierenden, während der Sektor insgesamt eher stagnierte – zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
University of Applied Sciences (USTP)
Mehr als 4.000 Studierende und über 500 hauptberufliche Mitarbeiter beheimatet die USTP aktuell. Rund 30 Studiengänge werden in so unterschiedlichen Bereichen wie Medien, Informatik & KI, Gesundheit oder Bahntechnologie angeboten. Außerdem leitet die USTP die europäische Hochschulallianz E³UDRES² mit Partnerhochschulen in Ungarn, den Niederladen, Belgien, Rumänien und Litauen.




