MFG - Besorgte Seele im Betrieb Leben
Besorgte Seele im Betrieb Leben


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Besorgte Seele im Betrieb Leben

Text Johannes Reichl
Ausgabe 10/2008

Er steht schon lange auf unserer „Abschussliste“: Sepp Gruber. Einer von der Sorte „guter Mensch“, die nicht nur gescheit daherreden, sondern auch machen. Nicht für sich, sondern für andere. Als Betriebsseelsorger Tag für Tag, als Mensch ununterbrochen.

Wir treffen uns in seinem Büro in der Schneckgasse, das durch kreatives Chaos besticht. „Früher war ein Kollege bei mir im Zimmer. Aber der hat die Unordnung nicht ausgehalten“, lächelt Gruber ob ungewollten Psycho-Mobbings. Ich bestaune derweil neugierig die Bücher auf einem Beistelltisch, die klingende Titel wie „Neue Werte für die Wirtschaft“, „Friede auf Erden“, „Grundeinkommen“ tragen. „Das ist Lektüre, die ich mir kaufe und lesen sollt. Aber ich komm nicht dazu und so wandern sie irgendwann ins Regal.“
Aus dem Herrgottswinkel
Geboren wird Gruber 1961 in Stephanshart „einem sehr katholischen Eck im Mostviertel!“ Und katholisch heißt v. a. praktizierend. „In den 70‘er Jahren sind noch über 60% der Leut in die Kirche gegangen!“ Es kommt daher nicht von ungefähr, dass sich Grubers Eltern irgendwann in den Kopf setzen, der Bub solle Pfarrer werden, wo er doch so brav sei. „Dabei war ich eher ängstlich und schüchtern und wollt überhaupt nicht Priester werden! Ich hab mir gedacht, da ist man so hoch oben, redet gscheit daher, und man darf nicht heiraten.“ Den Eltern getraut er sich diese Bedenken freilich nicht einzugestehen, und so wird er nach der Volksschule ins Stiftsgymnasium und Internat Seitenstetten geschickt. Das heißt zugleich auch Abschied vom vertrauten elterlichen Bauernhof, wo er mit seinen sechs Geschwistern wohlbehütet aufgewachsen ist. „Wir hatten einen gemischten Betrieb, mit Hendln, Kühen etc. Das war recht idyllisch“, erinnert er sich. Auch daran, dass der Papa damals schon nebenbei im Lagerhaus gejobbt hat.
An seinem Unwillen gegen den elterlichen Berufswunsch ändert sich auch unter der Obhut der Geistlichen nichts. Dennoch tritt der Jugendliche angesichts mangelnder Vorstellungskraft nach der Matura 1979 ins Priesterseminar St. Pölten ein. „Damals war St. Pölten wie ausgestorben! Es gab grad ein paar Lokale, den Bierbrunnen, den Stadtkrug, die Martinistuben.“ „Und der Löwenkeller?“, frage ich. „Da durften wir nicht nicht hin“, lacht Gruber angesichts der als Sündpfuhl verpönten Disco. Das Leben im Seminar nimmt er als äußerst isoliert wahr: „Wir haben eigentlich nix mitgekriegt.“ Was ihm besonders in Erinnerung geblieben ist, war die Ausspeisung der Obdachlosen. „Die bekamen nicht bei uns im Speisesaal, sondern abgeschottet in einem eigenen Raum ihr Essen, was ich als sehr ungerecht empfunden hab.“ Grubers soziale Ader, sein Sensorium für gesellschaftliche Schieflagen meldet sich erstmals.
Emanzipation
Zwei Erfahrungen prägen Anfang der 80’er Jahre den Jugendlichen fürs Leben und lassen ihn, wie er es formuliert, „erwachsen werden.“ So kommt Gruber als Ferialpraktikant in der Glanzstoff-Fabrik erstmals in Kontakt mit Arbeitern und deren Lebensumfeld, „ich wurde sozusagen mit dem sozialen Aspekt konfrontiert“. Außerdem absolviert er 1980/81 ein Studienjahr in Jerusalem. „Dort ging es wirklich ökumenisch zu, da waren Christen, Evangelische, Juden und Moslems!“ Die einfache Erkenntnis: Unterschiedliche Kulturen, aber doch alle Menschen wie du und ich! Gruber emanzipiert sich, und so unterrichtet er in einem Brief, „so mutig war ich auch wieder nicht, es ihnen direkt zu sagen“, die Eltern von seinem Entschluss, das Priesterseminar zu schmeißen. Stattdessen bestreitet er das Freiwillige Soziale Jahr im Körperbehindertendorf Altenhof. Während dieser Zeit reift der Wunsch heran, Sozialarbeiter zu werden, „aber die SOZAK’s  waren extrem überrannt, so dass ich weder in St. Pölten noch Linz untergekommen bin.“ So landet Gruber erst recht wieder bei der Kirche, und studiert Theologie in Linz weiter „allerdings als Laientheologe!“. Er beginnt sich aktiv in der Friedensbewegung zu engagieren, kämpft gegen das Kraftwerk Hainburg. Ziviler Ungehorsam, bürgerlicher Protest, Eintreten für die eigenen Überzeugungen sind ihm wichtig. Und er zeigt schon damals Mut, „legt“ sich auch mit dem eigenen Umfeld an, als er etwa in Reaktion  auf die Gründung einer Militärdiözese  in St. Pölten auf die Straße geht, „weil ich das für ein komisches Zeichen gehalten hab! Kirche und Militär geht schwer zusammen, oder?!“ Eine Skepsis, die er bis heute vertritt „allein wenn ich daran denke, dass ein Militärgeistlicher etwa meinte, Franz Jägerstätter sei nicht würdig, seliggesprochen zu werden“, ärgert er sich.
Ärger ganz anderer Art oder schlichtweg Überforderung begegnen Gruber während seines Probejahres als Religionslehrer. „Das war der absolute Horror, definitiv nichts für mich.“ Im Anschluss wird er Dekanats-Jugendleiter in Ybbs, zudem kommt er in Berührung mit der Entwicklungshilfe und bereist Brasilien. „Das war quasi der Beginn meiner Dritte-Welt-Karriere!“ Und die beginnt mit dem Widerlegen eines Vorurteils: „Wir haben Landlose in Südbrasilien besucht. Ich dachte immer, das sind Indios, die das Land besetzen und nix arbeiten wollen. Tatsächlich handelte es sich aber um viele ehemalige europäische Einwanderer.“
Auch die Absolvierung des Zivildienstes fällt in die Zeit der frühen 80’er. Zwar wird Grubers Idealismus schnell eingebremst, weil er im Krankenhaus Mauer „v. a. Putzdienste zu erledigen hatte“, aber im Hinblick auf seine Sicht auf die Arbeitswelt und ihre Realitäten möchte er diese Erfahrung nicht missen: „Es war interessant, die starren Hierarchien in Betrieben kennenzulernen. Ich konnte etwa beobachten, dass – sobald jemand einen blauen Mantel trug – er von den Ärzten nicht einmal gegrüßt wurde.“
Betriebsseelsorger
Eher unerwartet kommt dann ein Anruf von Diözesan-Betriebsseelsorger Franz Sieder, der jemand für die Betriebsseelsorge in der Region sucht. Ein gänzlich neues Feld, das Gruber Anfang der 90’er zurück nach St. Pölten führt. „Ich habe die Stadt nicht wieder erkannt, unglaublich, wie sie sich weiterentwickelt hatte!“ Um für den neuen Job gewappnet zu sein, geht Gruber einen unorthodoxen Weg. „Damit ich die Arbeitswelt besser verstehe, hab ich ein halbes Jahr bei der Voith als Hilfsarbeiter gearbeitet!“ Schnell macht er eine interessante wie verstörende Erfahrung. „Den 1. Monat war ich völlig inkognito, integriert, bis ein Arbeiter ein Dokument von mir entdeckt hat und daraufhin vorwurfsvoll meinte: ‚Was, du bist Magister?!’ Von da an war ich unten durch.“ Damit wird das Klischee von den Standesdünkeln, die von oben nach unten gehen, relativiert. „Genauso gibt’s diese Bewegung von unten nach oben. Da wirst du abgestempelt!“
Gruber schlägt sein neues Domizil und Büro in jener Villa auf, wo heute Bischof Kurt Krenn seinen Lebensabend verbringt. „Das war schon irgendwie komisch, ein so nobles Haus für diese Arbeit“, erinnert er sich.  „Wir waren ein kleiner Kreis. Die Laienbrüderschaft ‚Die kleinen Brüder Jesu’ und die Katholische Arbeiterjugend waren meine Verbündeten. Bald sind die ersten Leute gekommen, v.a. Jugendliche, weil die weniger Berührungsängste haben, auch die ersten Gastarbeiter – und aus der Wohnung wurde alsbald eine richtige WG.“ Ein Zusammenleben, das aufgrund mangelnder Distanz an die Substanz geht. Nach vier Jahren löst er die WG auf. „Ich hab mir gedacht, das halt ich auf Dauer nicht aus.“
Die Betriebsseelsorge schlägt ihre Zelte in der Schneckgasse 2 auf. Obwohl die Kirche Gruber hochoffiziell zunächst nur das obere Stockwerk überlässt, erobert der Umtriebige mithilfe seiner Schäfchen bald auch den unteren Stock.
Zwar macht er dort Feste und bemüht sich, die Leute anzulocken, der Großteil seiner Arbeit, zumindest die Anbahnung, erfolgt aber quasi an der Front, in den Betrieben selbst „weil die Leute eine große Hemmschwelle haben zu kommen“. So wird Gruber regelmäßiger Gast bei Betrieben wie Glanzstoff, Voith, Geberit etc., „wobei ich nie ohne Anlass hingeh, da würd ich mir blöd vorkommen. Zumeist bringe ich unsere Zeitung mit. Da sind Berichte und Firmennews drin, auch von den anderen Betrieben, das interessiert die Leut.“ Die Arbeiter lernen Gruber alsbald als integren Fürsprecher ihrer Anliegen kennen, die Firmenleitungen, „die auch sehr gut über die Inhalte Bescheid wissen“ zum Teil fürchten. Das geht soweit, dass der Betriebsseelsorger zwischenzeitlich sogar offen angefeindet wird. „Eine Zeitlang durfte ich etwa in eine Fabrik überhaupt nicht rein“, und der ehemalige Voith-Boss begrüßte ihn nach einem kritischen Artikel gegen die EU einmal mit: „Aha, bringst uns wieder dein Hetzblatt!“
Modernes Sklaventum
Aber Gruber hetzt nicht – er klärt auf, und das ist ein beträchtlicher Unterschied. Im Hinblick auf seine Betriebsseelsorge-Tätigkeit hält er es mit einem Ausspruch Kardinals Joseph Cardijn: „Jeder junge Arbeiter ist mehr wert als alles Gold der Erde.“ „Das sehe ich aus so! Man muss das Selbstwertgefühl der Leute heben. Es scheint, um mit Marx zu reden, tatsächlich so, dass viele von ihrer Arbeit entfremdet sind. Sie haben nichts mitzubestimmen, niemand fragt sie, auch wenn sie wissen, dass das, was das Management sagt, ein Blödsinn ist. Da ist viel Frust. Gute Manager hingegen erkennen den Wert ihrer Arbeiter!“
Doch gute Manager sind rar gesät. Im Gegenteil sei die Luft für Arbeiter definitiv dünner geworden, der Druck eklatant gestiegen. „In den letzten 15 Jahren wurde massiv rationalisiert, wurden ausgeklügelte Systeme geschaffen, um aus weniger Leuten noch mehr rauszupressen. Leerzeiten fallen praktisch weg. Das Klima ist schlechter als je zuvor, weil jeder im anderen nur mehr einen Konkurrenten sieht“, zeichnet Gruber ein düsteres Bild. Zudem seien viele Jobs entweder überhaupt gestrichen worden oder viele mit freien, sozial weniger sicheren freien Dienstnehmerverträgen ausgestattet worden. Am schlimmsten seien aber die über Leihfirmen vermittelten Beschäftigten dran. „Als Leiharbeiter geht’s dir wie einem Sklaven. Im Betrieb fühlt sich keiner für dich zuständig, auch die Betriebsräte nicht. Du hast keine Lobby. Das Bedenkliche ist, dass diese Form der Anstellung vehement zunimmt und manche Betriebe damit bewusst die Arbeiterrechte aushebeln. Für die Leute ist es tragisch, weil sie immer nur auf Abruf arbeiten, dabei sehnt sich jeder nach geregelten Arbeitszeiten und einem sicheren Job.“
Auch für viele der Glanzstoffbediensteten sieht Gruber ein solches Leiharbeiter-Schicksal heraufdämmern. „Nach meiner Beobachtung haben ca. 60-70% einen Migrationshintergrund. Viele von ihnen sind schlecht ausgebildet und können nicht gut Deutsch, daher werden sie bei Leihfirmen landen. Die fallen definitiv nach unten!“
Die Glanzstoff-Causa selbst hat er direkt miterlebt und manch eigenartige Gruppendynamik konstatiert. „Viele haben mehr über den Betriebsrat geschimpft als über den Chef, dabei sitzt der Urheber der Schließung defintiv in Marktl.“ Inwieweit ohnedies schon ein Damoklesschwert über der Glanzstoff hing, vermag Gruber nicht abzuschätzen „aber der neue Geschäftsführer Stalf war bekannt dafür, dass er in Betriebe geholt wird, um sie zu eliminieren.“ Zufall? Der Frust sei jedenfalls groß, wenngleich Gruber einräumt, dass es im Hinblick auf die Entwicklung des Stadtteils auch Hoffnung gäbe. „Früher war das nur das Glasscherbenviertel, aber durch die Fachhochschule und andere Einrichtungen hat sich dort sehr viel verändert. Der Standort hat Potential, es können auch neue Arbeitsplätze entstehen!“
Plötzlich springt Gruber unvermittelt auf und stürzt aus dem Zimmer.
Multikulti
„Ich hab die Erdäpfel am Herd vergessen!“, erläutert er lachend, als er zurückkommt. „Dafür hab ich euch gleich Kaffee mitgebracht.“ Auch nicht schlecht!
Aufgrund des hohen Migrantenanteils in den Betrieben sind Ausländer vielfach seine Klienten. „Ich hab manchmal die Kritik gehört ‚Du bist nur für die Ausländer da!’ Aber das ist Blödsinn. Es ist nur de facto so, dass Ausländer weniger Berührungsängste haben als Österreicher, wenn sie etwas brauchen“, so Gruber, dem im Zuge seiner Tätigkeit auch ein interessantes Paradoxon begegnet. „Von denselben Leuten höre ich gleichzeitig ‚Naja, ich will nix mit Ausländern zu tun haben. Aber es ist schon gut, dass es jemanden wie dich gibt, der für sie da ist!’“
Und das ist Gruber tatsächlich, auch über die Betriebsseelsorge hinaus. Als er vor Jahren einem iranischen Langzeitasylwerber über die Runden hilft, spricht sich dies offensichtlich herum, „denn eines Tages rief mich ein Liberianer aus dem Polizeigefangenenhaus an, er brauche meine Hilfe. Er wollte von Italien aus illegal nach Deutschland einreisen, wurde erwischt und nach Österreich zurückgeschoben. Nun wurde zwischen Oberösterreich und Niederösterreich gestritten, wer ihn aufnimmt, wodurch fünf Wochen überhaupt nichts passiert ist – keiner hat sich zuständig gefühlt“, ärgert sich Gruber über den Umgang mit Menschen. Als der Asylant nach einem Hungerstreik, im Zuge dessen er 10kg verliert, für haftunfähig erklärt wird, nimmt sich Gruber seiner an. Weitere folgen. Gruber wird zum wichtigen und kompetenten Ansprechpartner in Sachen Asyl. „Die meisten sind mittlerweile gut integriert, verheiratet, haben Arbeit – sie haben es mühsam geschafft“, erinnert er sich an seine ersten Schäfchen und räumt gleich mit einem weit verbreiteten Gerücht auf. „Asylwerber kommen nicht, weil sie uns auf der Tasche liegen möchten, sondern weil sie arbeiten und sich integrieren wollen, damit sie ihre Familien unterstützen können! Es ist eher ein österreichisches Verhaltensmuster, dass jene, die den Anschluss verloren haben, nicht mehr arbeiten gehen möchten. Dieses Phänomen kann man auch bei Ausländern der zweiten, dritten Generation erkennen“, spielt er – so pervers es klingen mag – auf eine Art Wohlstands-Sozialfall-Verhaltensmuster an.
Ein Grundübel für die Asylwerber sei, dass viele in die Untätigkeit gedrängt werden und nicht arbeiten dürfen. Zwar gebe es seit 2006 eine Grundsicherung, aber auch diese sei zweischneidig und werde v. a. politisch instrumentalisiert. Behauptungen der FPÖ etwa, wonach Asylwerber mehr Geld bekommen als österreichische Sozialfälle, rückt Gruber ins Reich der Mär! Zum Beweis legt er uns die konkreten Tagessätze und Vergleichsbeispiele vor, wobei er das Grundübel gesellschaftspolitisch substanzieller begreift: „Lassen wir zu, dass zwei benachteiligte Gruppen gegeneinander ausgespielt werden, so erreichen wir nur, dass beide verlieren!“ Was Gruber in diesem Zusammenhang ärgert, ist auch eine gewisse Nonchalance der zuständigen Stellen. „Seit die Grundsicherung eingeführt wurde, fühlen sich die Ämter, leider vielfach auch die Caritas, quasi für nichts mehr zuständig. Das nennt sich professionell, aber in Wahrheit passt man sich einfach an, auch wenn einem Sachen gegen den Strich gehen. Da geht mir schon ein bisserl der zivile Ungehorsam ab. Das Gewissen vor Gott ist wichtiger! Da haben wir in Österreich überhaupt so eine Obrigkeitshörigkeit. In Belgien, Deutschland, Frankreich ist man da viel aktiver, auch seitens der Kirche,  wo es etwa Kirchenasyl gibt, man aktiv die Rechte der Menschen verteidigt.“
So vertritt Gruber auch im Hinblick auf die zuletzt anhand des Falles Arigona Zogaj aufgeflammte Diskussion um die Möglichkeit eines humanitären Bleiberechts eine klare Linie: „Jemand, der lange hier lebt, integriert ist, Arbeit hat und unbescholten ist, sollte nach fünf Jahren ein Bleiberecht bekommen. Interessanterweise halten das auch alle Politiker, wenn du mit ihnen persönlich sprichst, für sinnvoll. Passiert ist bislang aber nichts.“ Auch die Regelung, wonach ein solches Bleiberecht nur mehr vom Innenminister auf Antrag des Landeshauptmannes gewährt werden kann, anstatt es im Zuge eines rechtsstaatlichen Verfahrens abzuwickeln, hält Gruber für rechtswidrig. Aus diesem Grund hat er zuletzt gemeinsam mit anderen Initiativen zum „Tag des Bleiberechts“ aufgerufen.
Zusammenleben
Letztlich sieht er zwei wichtige Aspekte in der Integrationsfrage. Erstens die Sprache, weshalb er bereits lange vor anderen Institutionen Sprachkurse angeboten hat, zweitens der direkte Kontakt. „Man muss die Leute zusammenbringen, dann springt der Funke über, können Vorurteile abgebaut werden“. Die Gründe, warum überhaupt Ressentiments ent- und bestehen, führt Gruber weniger auf kulturelle Unterschiede, sondern v. a. auf soziale Ängste zurück. „Viele Österreicher sagen ad hoc: ‚Ich will gar keinen Ausländer kennenlernen. Die nehmen mir die Arbeit weg, die stinken, die Kinder sind laut’. Begründen können sie diese Vorurteile nicht. Ich denke es ist so, dass jeder, der schon sozial unten ist, Angst hat, noch weiter runterzufallen. Und ganz unten sind die Ausländer. So ist man noch eine Stufe drüber.“
Um Leute zusammenzuführen ruft Gruber gemeinsam mit anderen Institutionen 1992 das „Fest der Begegnung“ ins Leben. „Zuerst nannten wir es Multikultifest, aber das hat manche abgeschreckt“, erinnert er sich, wie er überhaupt glaubt, „dass wir in vielen Fragen der Integration zu intellektuell und abgehoben agieren.“ Im Laufe der Jahre wird das Fest immer größer, sind immer mehr in- und ausländische Kulturvereine dabei. Freilich muss man sich ob so vieler Kulturen auch mit Schwachsinn und nationalen Eitelkeiten herumschlagen. „Zuletzt gab es etwa einen Fahnenstreit. Und als eine Gruppe einen Religionsstand aufbaute, echauffierten sich die anderen darüber.“ Gruber löst die Causa pragmatisch. Er stellte auch einen christlichen Stand auf.
Der Glaube ist es letztlich auch, aus dem er seine Kraft speist. „Das Soziale kommt bei mir schon sehr stark von der Religion her. Mich haben schon immer auch derartige Stellen in der Bibel fasziniert, etwa die Weltgerichtsrede!“ Programmatischer Leitstern ist aber ein Ausspruch Erzbischofs Romero: „Die Kirche würde ihre Liebe zu Gott und ihre Treue zum Evangelium verraten, wenn sie aufhörte, die Stimme derer zu sein, die keine Stimme haben!“
Heute ist Gruber als mahnende Stimme, als so notwendiges ethisches Korrektiv nicht mehr wegzudenken und deshalb auch gesamtgesellschaftlich nicht hoch genug zu schätzen. Da spricht kein weltfremder Theoretiker aus dem Elfenbeinturm, sondern einer, der Tag für Tag an der Front steht, genau dort wo der Riss durch die Gesellschaft zu gehen droht. Menschen wie Gruber sind der soziale Kitt, die Bindeglieder der Gesellschaft – ohne sie drohte sie zu zerbrechen. Deshalb verdienen sie nicht nur unseren Respekt, sondern auch unsere Unterstützung und Nachahmung!